Kultur : "Shadow of the Vampire": Der Spuk ist echt

Frank Noack

Die meist umjubelten deutschen Filme der letzten Monate handelten vom Terrorismus und linken Identitätskrisen. Bei allem Respekt vor Christian Petzold, Andres Veiel und Oskar Roehler: Begeisterung haben diese Filme auch deswegen ausgelöst, weil sie von genuin deutschen Themen handelten, die das internationale Kino noch nicht abgedeckt hat.

Andere Stoffe haben wir uns längst aus den Händen nehmen lassen. Jetzt besetzen amerikanische und britische Produzenten ein Thema, um das sich hierzulande jemand hätte kümmern müssen: die Entstehung des Horrorklassikers "Nosferatu. Eine Symphonie des Grauens" im Herbst 1921. Schließlich war sie fast so aufregend wie das Geschehen auf der Leinwand. Um das Geld für die Verfilmungsrechte zu sparen, bediente sich Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau kurzerhand bei Bram Stokers Roman "Dracula", ohne jedoch die Quelle im Vorspann anzugeben. Doch das Personal - der Vampir, die opferbereite Frau, deren hilfloser Verlobter - war so offenkundig von Stoker übernommen, dass dessen Witwe die Produktionsfirma Prana-Film GmbH mit Zahlungsforderungen in den Ruin treiben konnte.

"Nosferatu" musste jahrzehntelang auf seinen internationalen Klassikerstatus warten, traf aber damals in Deutschland sofort den Nerv der Zeit. Die Cholera, die der Vampir Graf Orlok im Film auslöst, erinnerte das Publikum in erster Linie an die verheerende Grippe-Epidemie des Winters 1919/20. Hinzu kam, dass Soldaten, die auf dem Balkan gekämpft hatten, dort mit gruseligen Geschichten über Blutsauger konfrontiert worden waren. Schließlich weckte das ausgezehrte Gesicht des Hauptdarstellers Max Schreck, damals 42 Jahre alt, Assoziationen an die hungernde deutsche Bevölkerung.

Es war Murnaus Geniestreich, jemanden wie Schreck zu engagieren, der trotz unzähliger Film- und Theaterrollen nie mit einem eigenständigen Persönlichkeitsprofil identifiziert wurde und somit für den Rest seines Lebens Graf Orlok blieb (Schreck starb 1936 unter mysteriösen Umständen). Edmund Elias Merhiges Film "Shadow of the Vampire" stellt nun die These auf, der Hauptdarsteller von "Nosferatu" sei wirklich ein Vampir gewesen, den Murnau in den Karpaten aufgetrieben habe - wohl wissend, dass er damit das Drehteam in Lebensgefahr bringen würde. Eine weitere These: Der eigentliche Vampir ist das Medium Film. Es saugt seine Mitarbeiter aus. Der Autor darf als erster sterben, da er nach Drehbeginn nicht mehr gebraucht wird. Visuell wird dieses Motiv dadurch unterstrichen, dass die Bilder gelegentlich ihre Farbe verlieren.

Leider machen zwei anregende Thesen noch keinen rundum gelungenen Film. In "Shadow of the Vampire" wird im Detail unnötig geschludert. Einmal wird Murnau als der damals bedeutendste Filmregisseur neben D. W. Griffith und Sergej M. Eisenstein genannt. Eisenstein erlangte seinen Weltruhm jedoch erst 1926 nach der Berlin-Premiere von "Panzerkreuzer Potemkin". Willem Dafoe, der den Max Schreck spielt, ähnelt in keiner Weise Schreck, sondern nur Klaus Kinski, der in Werner Herzogs Remake von 1978 als Graf Orlok zu sehen war. Warum hat man nicht gleich Jim Carrey engagiert? Dann wäre der Film wenigstens eine konsequente Farce geworden.

Immerhin bereitet es Freude, Dafoe bei seiner Arbeit als Blutsauger zu beobachten - und seine Oscar-Nominierung überrascht ebenso wenig wie die für seinen Maskenbildner. Dagegen ist die Zeichnung Murnaus völlig misslungen. John Malkovich macht aus dem herausragenden Visionär einen Dilettanten à la Ed Wood. Die Bildgewalt von "Nosferatu" wird ganz dem Kameramann Fritz Arno Wagner zugeschrieben, dem Cary Elwes größtmögliche Autorität verleiht. Das hat Murnau nun wiederum keineswegs verdient - mag sein Gesamtwerk auch heute schlechter dastehen als das seiner modernen, sachlichen Kollegen Fritz Lang und G. W. Pabst. Es wäre wohl zu viel der Ehre, dem Regisseur von "Shadow of the Vampire" eine bewusste Abrechnung mit Murnau zu unterstellen. Dem Videoclip-Experten fehlt einfach das Gespür für Zeit und Ort des Geschehens.

Murnau hat "Nosferatu" in den Berliner Jofa-Ateliers sowie in Lübeck, Rostock und auf der Insel Helgoland gedreht. Aus schwer verständlichen Gründen wählte man diesmal Luxemburg als Drehort. Atmosphärisch schwach, historisch inakkurat, funktioniert "Shadow of the Vampire" nur ansatzweise so, wie er gedacht gewesen sein mag - als romantischer Horrorfilm mit parodistischen Einlagen. Dieses eine Mal braucht sich die deutsche Filmindustrie nicht zu verstecken: Joseph Vilsmaier hätte das "Making of Nosferatu" auch nicht schlechter hinbekommen.

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