She She Pop beim Theatertreffen : Je später die Väter

„Testament“: She She Pop verhandeln beim Theatertreffen ihren Generationenvertrag

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Draußen auf dem Grünstreifen, der Landwehrkanal ist nah, wurde eine chinesische Dschunke angelandet. Sie kam im Container aus Vancouver über Hamburg nach Berlin, ein „Ship O’ Fools“: Ab nächsten Dienstag öffnet sich der Narrenschiffsleib mit den schönen Drachenschnitzereien für das Publikum. Die kanadischen Künstler Janet Cardiff und Georges Bures Miller locken in eine seltsame maritime Welt, und das Hebbel am Ufer macht seinem Namen Ehre.

Mit dem Theatertreffen hat diese Installation direkt nichts zu tun, aber das weiß man ja auch bei manch einer ausgewählten Inszenierung nicht immer so genau – was sie mit dem Theatertreffen zu tun hat. In einer durch und durch mit Medien getränkten Welt ist die Frage immer schwieriger zu beantworten. Wo das Theatralisierte aufhört und wo das Theater beginnt.

Draußen also das warme Wetter, vollbesetzte Bänke, Biergartenatmosphäre, und drinnen im HAU 2 das „Testament“ der Theatertreffen-Neulinge von She She Pop, eine Koproduktion von Kampnagel Hamburg, dem FFT Düsseldorf und dem Hebbel am Ufer Berlin. Ein Heimspiel, und das im doppelten Sinn. Die Performancegruppe (drei Frauen, ein Mann) lädt ein zum Familienbesuch. Drei von ihnen haben ihre Väter dabei, gut situierte Herren um die Siebzig, so rüstig wie schrullig, wie das in dem Alter so ist. Hört man jedoch ihren Kindern zu, diesen rund Vierzigjährigen, beobachtet sie bei ihren Verteidigungsvorkehrungen gegen die herandrängende Vätergeneration, so sind die Jüngeren nicht weniger verschämt oder unverschämt, je nach Situation.

Aus Shakespeares „König Lear“ nehmen sie sich ihre Spielvorlage. Was tun mit den Alten, ihren Ansprüchen, ihrer Bedürftigkeit und ihrem Geld? Es werden lustige, herzlose Rechnungen aufgestellt. wie man zum Beispiel die Stunden verrechnet, die ein Opa mit seinen Enkeln verbringt, den Kindern der Geschwister, wenn man selbst kinderlos ist. Und wie lebt es sich in einer Mehrgenerationen-WG, wenn der Papa mit seinen achttausend Büchern und all seinem technischen Gerät einziehen will?

„Testament“ (noch einmal vom 1. bis 4. Juni im HAU 2) ist ein Theaterabend, der wie eine Powerpoint-Präsentation mit Musik und kleinen Spielszenen funktioniert. Sehr nett, sehr harmonisch, große Konflikte gibt es anscheinend nicht, auch keine wirklichen Geldsorgen. Diesen Leuten geht es gut, und sie haben halt ihre Probleme, wie jede Familie.

Es ist nicht sicher, ob She She Pop das so deutlich zeigen wollten, aber das Hauptthema ist der Egoismus. Keiner will sich einschränken, wenn die Alten älter werden, pflegebedürftig gar, und die Jungen auch nicht mehr ganz jung sind. Man nennt es dokumentarisches Theater, und das ist momentan schwer en vogue. Die zweistündige Bestandsaufnahme des anwachsenden Altenteils hat Charme, manchmal auch Witz. Profis im Umgang mit Medien sind wir inzwischen fast alle, aber das ändert nichts am laienhaften Eindruck. Rüdiger Schaper

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