• Sheila Fitzpatricks gelungenes Panorama der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Sowjetunion

Kultur : Sheila Fitzpatricks gelungenes Panorama der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Sowjetunion

Klaus-Georg Riegel

Sheila Fitzpatrick, Professorin für moderne russische Geschichte an der Universität Chicago, gehört zu den prominenten Revisionisten, die beharrlich die Dogmen der Totalitarismustheorie in Zweifel ziehen. Sie vertritt allerdings einen sehr moderaten Revisionismus, der die totalitären Grundzüge des Stalinismus nicht bestreitet, jedoch darauf insistiert, dass der "Revolution von oben" auch eine gesellschaftliche Reaktion von unten entspreche. Man dürfe sich nicht ausschließlich auf die Ideologie und den Staatsterror der totalitären Machthaber konzentrieren, dabei aber die gesellschaftliche Dynamik ausblenden, welche sich in den revolutionären Umbrüchen der Zwangskollektivierung und der forcierten Industrialisierung entfaltete.

Die sowjetische Gesellschaft habe sich nicht bloß als Objekt dem totalitären Zugriff gefügt. Sie lasse sich auch nicht als eine geschlossene Institution, als eine Art "Gefängnis" beschreiben, das seine Insassen allein durch Terror, Furcht, Manipulation, Befehl und Gehorsam beherrscht habe. Angemessener erscheint Fitzpatrick das Bild von der "Sozialhilfe", um die gesellschaftliche Realität des Alltags im Stalinismus genauer erfassen zu können.

Der Alltag der Sowjetbürger in den Städten, auf den sich Fitzpatrick konzentriert, wurde von der Staatsbürokratie beherrscht, die gegen Ende der zwanziger Jahre zur beherrschenden Lebensmacht der Sozialfürsorge avancierte. Es gab keine institutionelle Trennung zwischen dem privaten Lebensraum des Sowjetbürgers und der staatlichen Bürokratie der "Sozialhilfe". Auf sie waren die einzelnen Überlebensstrategien gerichtet, um im Labyrinth der bürokratisch verwalteten Zuteilungswirtschaft Nahrungsmittel, Kleidung, Arbeit, Medikamente und Wohnraum zu beschaffen.

Ideologische Gesinnungstreue und äußere Konformität öffneten nicht automatisch die Türen der staatlichen Wohlfahrt, die über das Monopol der Verteilung der knappen Güter verfügte. Für den Einzelnen viel wichtiger waren der Aufbau und die Pflege von persönlichen Beziehungen. Diese Welt der vom Staat erzeugten und verwalteten Armut nennt Sheila Fitzpatrick durchaus ironisch "Suppenküche".

Mit dem Westen gleichziehen

Gewiss propagierte die stalinistische Utopie nicht eine "Suppenküche" als leuchtende Zukunftsvision, um die grauenhaften Leiden der Bevölkerung während der ersten Etappe der Zwangsindustrialisierung (1929-32) und der durch die Zwangskollektivierung ausgelösten Hungerkatastrophe von 1932-33 mit zwei bis drei Millionen Opfern zu mildern. Russland müsse so schnell wie möglich - ohne Rücksicht auf die sozialen Folgen - durch heroische Anstrengungen seine wirtschaftliche und kulturelle Rückständigkeit überwinden. Nur so könne mit dem Westen gleichgezogen werden.

Doch der stalinistische Alltag entsprach nicht der kühnen Gesellschaftsutopie. Die Zwangskollektivierung trieb Millionen Bauern in die Städte, die dort Lebensmittel, Unterkunft und Arbeit suchten. Mit Einführung eines Passes, Wohnerlaubnis und Arbeitskarte versuchten die Bürokratie und der Geheimdienst der Völkerwanderung Herr zu werden. Mit geringem Erfolg. Die Untergrundgesellschaft der Arbeitsmigranten entwickelte eigene Überlebensstrategien, um die verhassten Bürokraten auszumanövrieren und zu unterwandern. Das Verbot, mit Gebrauchsgütern des Alltags privat zu handeln, ließ den Schwarzmarkt ebenso wachsen wie die Zahl der Schmuggelbanden. In vielen Städten brach das Transport- und Versorgungssystem zu Beginn des ersten Fünfjahresplanes zusammen.

Noch katastrophaler waren die Lebensverhältnisse in den gigantischen, buchstäblich aus dem Boden gestampften Industriekomplexen wie dem Stahlwerk Magnitogorsk im südlichen Ural. Dort gab es weder sanitäre Anlagen noch eine nennenswerte städtische Infrastruktur. Die primitiven, aus Lehm und Holz gezimmerten Schlaf- und Wohnbaracken dienten als Notunterkünfte für kasernierte Arbeiter, die zudem noch schutzlos Tag und Nacht den giftigen Industrieabgasen ausgesetzt waren.

Ausführlich geht Fitzpatrick auf die Entstehung einer neuen sozialen Schicht in den 30er Jahren ein: der industriellen Elite. Sie entwickelte sich zu einer privilegierten Nomenklatura, die über vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu knappen Konsumgütern verfügte. Dazu gehörten auch Datschen, Reisen, Feriensiedlungen, Sanatorien, Kindergärten und Universitäten.

Ausgeschlossen aus dem staatlichen Wohlfahrtssystem blieben die sozialen Schichten, die das Kainsmal der "falschen sozialen Herkunft" trugen. Dazu gehörten die Familien der alten, "absterbenden Klassen", also Priester, Händler, Kaufleute und Angestellte des alten Staatsapparates. Ihnen wurde die Wohnungen weggenommen und das Wahlrecht entzogen. Sie wurden als "Schädlinge" und "Volksfeinde" diffamiert.

Totalitäre Utopie

Die Sozialgeschichte des Alltags im Stalinismus, die Fitzpatrick dem Leser bietet, enthüllt ein facettenreiches, detailgetreues, dramatisches Panorama der gesellschaftlichen Reaktion auf die totalitäre Utopie der stalinistischen Moderne. Wer sich über die Misere der verwahrlosten Jugend ohne Familie, die geheimen Techniken der Meinungsforschung des NKWD, die Flut der Bittbriefe an die Obrigkeit, die Patronagebeziehungen der sowjetischen Intelligentsia und die Überlebensstrategien während der Stürme der Großen Säuberungen (1936-38) informieren möchte, sollte zu Fitzpatricks Buch greifen.Sheila Fitzpatrick: Everyday Stalinism. Ordinary Life in Extraordinary Times. Soviet Russia in the 1930s. Oxford University Press, New York/Oxford 1999. 288 Seiten. 27,50 Dollar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben