Kultur : Sherlocks Geisterbahn

Namenlos schön: Die Frankfurter Kunsthalle Schirn provoziert den Markt mit anonymen Werken

Oliver Tepel

So hatten sie sich das nicht gedacht. Eine Kunstausstellung ohne Namen und Daten, um die Betrachter allein über ihre sinnlichen Eindrücke mit den Werken zu konfrontieren. Eine solche Konzeption müsste „Anonym“, die neue Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, eigentlich als temporären Wallfahrtsort aller Kunstpädagogen etablieren. Doch hinter einem schwarzen Samtvorhang erwartet den Besucher zunächst nur ein gebogener, spärlich beleuchteter Gang mit einer dunkelviolett getünchten Wand, während ein schwarzer, geraffter Stoff die konvexe Seite verhüllt. Dahinter werden Geräusche vorbeifahrender Autos hörbar, und aus einem schmalen Spalt wirft Licht changierende Farbmuster an die Decke.

Auf der Suche nach dem Ursprung dieses Lichts stößt man auf eine abstrakte, bunte Plastik, aus der brackig riechendes Wasser auf den Boden tropft. Allmählich dünkt es nicht nur dem pädagogisch motivierten Besucher, dass es hier nicht allein um das Zeigen anonym gehaltener Werke geht. Nein, das gesamte Arrangement erscheint als Idee einer futuristischen Kunstausstellung. Oder als Geisterbahn der Avantgarde-Kunst. Verwirrung lauert allerorten, bis sich dann doch Zusammenhänge erschließen. Derart entpuppt sich die anonyme Schau zu guten Teilen als große Installation für Betrachter mit Sherlock-Holmes-Ambitionen.

Als Ausstellungsuntertitel dient die markige These „In der Zukunft wird niemand mehr berühmt sein“. In dieser Idee des Ausblicks liegt die eigentliche Qualität der Schau, nicht in dem zu kurz greifenden historischen Exkurs des Begleitkatalogs. Dort wird referiert, wie der Eigenname an Bedeutung gewann, als sich Maler und Bildhauer im späten Mittelalter zunehmend „Künstler“ nannten. Die bald darauf erfundene Kunstgeschichtsschreibung half dann dem Mythos des kreativ schöpfenden Meisters auf den Weg.

Genau dem will die Frankfurter Ausstellung entkommen; sie will das überhöhte Besondere, aber auch das markengleich Etikettierende abschaffen. Das namenlos bleibende Kuratorenteam, genannt „Anonyme Bewegung“, hat sogar ein Manifest verfasst, mit dem es zu ähnlichen Ausstellungen an anderen Orten aufruft. Aber was würde da eigentlich abgeschafft? Die Idee vom Künstler-Autor ist nicht statisch. Sie wandelte sich mit der Vorstellung von Individualität und den gesellschaftlichen Bedingungen.

Wo es kein generelles Kriterium für ein Kunstwerk mehr gibt, verleihen Namen Sicherheit. Auf dieser Sicherheit basiert auch die „Anonym“-Ausstellung. Die Ausstellungsmacher betonen deshalb, dass „bedeutende“, „internationale“ Künstler beteiligt seien. Für eine anonyme Kunst müssten solche Attribute eigentlich wenig bedeuten, ebenso wie die Bezeichnung des Künstlers an sich, denn wen sollte sie noch meinen? Und was wäre dann letzten Endes Kunst? Wo kopfüber von der Decke baumelnde Kajaks, die nach Honig duften und in deren Hohlraum auf Augenhöhe projizierte Videos Schreckmomente erzeugen, scheint es nur noch um die Effekte zu gehen.

In ihrem Sciencefiction-Roman „Planet der Habenichtse“ entwirft die Autorin Ursula K. Le Guin die Vision einer egalitären, anarchistischen Gesellschaft, in der es keinen Raum für hervorgehobene Individualität mehr gibt. Eine Protagonistin fertigt abstrakte Mobiles, aber verfügt über keinen Begriff dafür. So nennt sie das Geschaffene „Ding“ und ist über dessen scheinbar wertlose Existenz eher verstört. Mit dieser Vision der Begriffsauflösung kokettiert auch die Frankfurter Ausstellung; ein Werk lädt den Besucher zu einem „Spaziergang um den Block“ ein, der zu kleinen Auffälligkeiten im Stadtumfeld führt. Bewusst Geschaffenes oder zufällig Kombiniertes gerät dabei in den Fokus der Aufmerksamkeit, um die Begriffe „Künstler“ und „Kunst“ zu hinterfragen. An dieser Stelle mag sich der Kunstpädagoge wieder angesprochen fühlen, denn als Schule des Sehens und der Kombinatorik funktioniert „Anonym“ tatsächlich. Es offeriert dann unter anderem einen recht ulkigen Herrenwitz, eine Verschwörungstheorie und eine Dressurvorführung. Doch das Gezeigte erzeugt im Endeffekt nur befremdetes Staunen.

Um mehr in den Dingen zu finden, müsste man die Kunstgeschichte bemühen. Die sollte aber im Sinne von „Anonym“ als eine Geschichte der Dinge neu erzählt werden, ohne Bezugssysteme, befreit vom Markt. Nur, welcher Künstler will ausschließlich unter diesen Bedingungen arbeiten? Statt einer Rückkehr zu etwas Ursprünglicherem fordert „Anonym“ eine andere Ideologie. Um damit wirklich den Markt zu provozieren, fehlen der Ausstellung Prägnanz und Reiz. Das Namenlose lädt hier auch nicht zu einer Revision des angestammten Blickes ein, es verführt aber mit Unerwartetem. Die gezeigten Werke verstehen sich auf ihr Spiel mit der Identität, und doch verbleiben sie im Bekannten, Großen und Ganzen. Keine Revolution, nur ein Abenteuer.

Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, bis 14. Januar. Katalog (Schnoeck Verlag) 19,90 Euro.

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