Kultur : Sie gehört zur Familie

Ein guter Freund gratuliert der Fotografin Erika Rabau zu ihrer Berlinale-Ehrenkamera

Lothar Lambert

In Schwarzweiß oder Farbe, hoch- oder querformatig – sie hat sie alle festgehalten, die hochoffiziellen oder auch nur kuriosen Ereignisse auf der Berlinale: Erika Rabau, die zierliche Berliner Pressefotografin mit der strohgelben Mähne und der Lederkluft als Erkennungszeichen. Heute erhält sie die Ehren-Kamera für ihre Verdienste um die Berlinale.

Unter mehreren Festivaldirektoren hat sie schon „gedient“, ihre bilddokumentarische Aufgabe derart ernst nehmend, dass sie jedesmal fast rund um die Uhr im Einsatz ist – und das vom Eintreffen des ersten Gastes bis hin zur allerletzten Party. Einmal musste Erika ohnmächtig aus einer Pressekonferenz getragen werden, aber bald darauf stand sie wieder auf der Matte und knipste sich zurück an die vorderste Front des mehr oder weniger glamourösen Geschehens. Kein Wunder, dass Erika für viele Festival-Teilnehmer dazu gehört wie die silbernen und goldenen Bären.

Ich selbst habe Rabau in den 70ern kennen gelernt, als sie im Schlepptau meines schreibenden Kollegen und Freundes Bernd Lubowski auftauchte und dessen Interviewpartner von allen Seiten ablichtete. Vom ersten Treffen bis zum ersten Auftritt in einem meiner Filme war es dann nicht weit: In der nach dem Tiergarten benannten Milieustudie streifte Erika mit Begeisterung durch die Büsche, in unverwechselbar hoher Tonlage die Schwulen verfluchend, weil die ihre unzüchtig genutzten Papiertaschentücher überall zurückgelassen hatten. Das war 1978, und seither ist Erika Rabau unverzichtbarer Teil meiner „Film-Family“ – und darf auf Wunsch auch mal was Spanisches zur Gitarre trällern oder in einer Wohngemeinschaft für psychisch kranke Transis mit schuhcreme-schwarzem Gesicht das Fußball-Idol Pelé mimen.

Nicht von ungefähr ist Erika meine Südamerikaexpertin, hat die gebürtige Danzigerin doch in ihren Vor-Berlinale-Zeiten lange in Argentinien gelebt und geliebt. Die Reiselust ist ihr geblieben, und auf einem Israel-Trip hat sie sogar ein paar meiner Filmrollen mitgeschleppt, um diese höchstpersönlich in der Kinemathek von Tel Aviv zu präsentieren.

Heute trifft man Erika an Berlinale-freien Tagen am ehesten im Kiez um den Prager Platz. Beim Jugoslawen an der Ecke, im Schwimmbecken vom Fitnessclub oder im Supermarkt vom neuen Einkaufszentrum. Es sei denn, sie saust im Segelboot über den Wannsee oder macht die Küste vor Mallorca unsicher. Dass ihr vor Jahresfrist verstorbener Lebenspartner nicht mehr dabei sein kann, hat Erika allen Stehauf-Weibchen-Qualitäten zum Trotz dann doch richtig umgehauen.

Mehr als biografische Eckdaten lässt sich Erika auch bei längeren Gesprächen im engsten Lambert-Kreis nicht entlocken. Aus ihrem Geburtsdatum macht sie eine geheime Kommandosache. Während wir anderen älter und erschöpfter werden, bleibt sie ein ewiges Kind – immer sprungbereit, spontan, begeisterungsfähig und neugierig aufs Leben. Manchmal aber auch ein bisschen widerspenstig und naiv. Dementsprechend positiv/negativ „kindlich“ kommt Erika in meinem jüngsten Opus rüber, wo sie – mehr begnadete Selbstdarstellerin als begnadete Schauspielerin – die Tante des titelgebenden „Sex-Moppels“ Michael Sittner spielt. Im Dialog heißt es einmal: „Tante Lotte, du bist doch die Beste.“ Dem ist nichts hinzuzufügen außer einer ganz lieben Gratulation zur hart, aber herzlich erarbeiteten Berlinale-Kamera.

Der Autor ist Filmemacher, Maler und Journalist.

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