Kultur : "Sie war auffällig. Sie war ein Relikt. Heute verstehe ich sie."

Herr Roehler[Ihr neuer Film wird vermarktet unter]

Regisseur des Films "Die Unberührbare", über seine Mutter Gisela Elsner, über seine Schauspieler, über Schwarzweißfilme und die Stille

Oskar Roehler, geboren 1959 als Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, lebt seit Anfang der 80er Jahre in Berlin. Er arbeitete als Drehbuchautor und macht sein 1997 ("Sylvester Countdown") Filme. "Die Unberührbare", demnächst auf dem Festival in Cannes zu sehen, läuft ab heute in vier Berliner Kinos.

Herr Roehler, Ihr neuer Film wird vermarktet unter dem Motto "Oskar Roehler erzählt die Geschichte seiner Mutter". Wie ähnlich sind sich denn die Filmfigur Hanna Flanders und die Schriftstellerin Gisela Elsner?

Die Biographie meiner Mutter hat mir sehr geholfen, die Geschichte zu schreiben. Aber ich hätte nie einen Film über meine wirkliche Mutter gemacht. Mein Verhältnis zu ihr war wahnsinnig belastet.

Was erzählen Sie also dann?

Im Grunde erzähle ich ein Künstlerschicksal. Die Geschichte eines Aufbruchs in Zeiten des politischen Umbruchs. Die Geschichte der letzten Tage einer Person, von der Einsamkeit einer Künstlerin. Die Form des Films war für mich viel entscheidender, als dass die Hauptfigur an meine Mutter angelehnt ist. Ich wollte einen Film machen, der in einer bestimmten deutschen, vielleicht sogar europäischen Tradition steht. Ich denke an Filme und Novellen, die mich entscheidend geprägt haben: "Lenz" von Büchner, "In einem Jahr mit 13 Monden" von Fassbinder, "Das Irrlicht" von Louis Malle und "Persona" von Bergman.

Mit der Besetzung von Charles Regnier und Helga Göhring als Hannas Eltern holen sie eine ganze Ära bundesdeutscher bzw. DDR-Filmgeschichte mit in den Film hinein.

Ich wollte Charles Regnier unbedingt haben. Wissen Sie, dass das seine letzte Rolle war? Ich bin sehr froh, dass er das noch gemacht hat. Als seine Frau hatte ich an Inge Meysel gedacht. Ich habe sie in ihrem Stammcafé in der Uhlandstraße getroffen. Wir haben uns sehr nett unterhalten, aber sie wollte das dann nicht machen. Zunächst erschien es mir paradox, jemanden aus der DDR zu besetzen als typische, westdeutsche, bourgeoise alte Dame. Aber dann war ich sehr angetan von Helga Göhrings Interpretation.

Auch in Dekor und Kostüm sind die sechziger Jahre ständig präsent in Ihrem Film.

Wenn meine Mutter in ihrem langen, schwarzen Dracula-Mantel durch München lief, drehten sich die Leute nach ihr um. Sie war so auffällig, so offenbar ein Relikt aus einer anderen Zeit. Das hatte auch etwas Martialisches. Sie hat damals fast schon eine Aura des Schreckens um sich verbreitet. Nicht mit Absicht.

Sie visualisieren diese Aura, indem sie Hanna Flanders oft hinter Glas und in großer Distanz zeigen.

Das hat sich angeboten. Wir haben große, leere, weite Räume gesucht, um das adäquat darzustellen. Zu meinem Konzept gehörte es, die Originalschauplätze aus meiner Erinnerung nachzubauen. So gleicht die Wohnung der Vadim-Glowna-Figur der Wohnung, die mein Vater 1964 in Friedenau hatte. Oder die Villa von Hannas Eltern ... Hannas Bungalow aber ist fiktiv. Ich hatte keine Lust, das in einer Wohnung zu drehen, weil mir dann dieser Blick von außen gefehlt hätte. Ich wollte sie wirklich von außen und weit weg und ganz einsam in so einem Käfig hin und her gehen sehen.

Warum die Entscheidung für das Schwarzweiß-Material?

Eigentlich wollte ich in Farbe drehen, aber das wäre viel teurer gewesen. Wir hatten ursprünglich mehr Außenshots geplant, und in Farbe hätte man die späten Neunziger gesehen. In Schwarzweiß kann man überall drehen, ohne den Schauplatz zu verändern, und keiner merkt es. Und noch ein Grund für Schwarzweiß: Die beiden signifikantesten Bergman-Filme, "Das Schweigen" und "Persona", habe ich mir x-mal angeguckt, ohne dass sie für mich etwas von ihrer Faszination eingebüßt hätten. Sie sind unglaublich diszipliniert, auch vom Rhythmus her.

Auch Hannelore Elsner hat im deutschen Kino der 60er Jahre eine Rolle gespielt. Wollten Sie sie von Anfang an haben?

Ja, denn ich hatte sie anders präsent als durch das, was sie momentan im Fernsehen macht. Zum Glück. Denn bestimmte Schauspieler nehme ich nicht, wenn mir Casting-Agenten Demo-Tapes schicken, auf denen dieser oder jener RTL-Auftritt dokumentiert ist. Ich rekrutiere meine Schauspieler nach anderen Kriterien. Ich versuche aus dem Fundus meiner Erinnerungen zu schöpfen.

Sich selbst haben Sie nicht sehr sympathisch dargestellt. Entspricht diese Film-Situation zwischen Mutter und Sohn Ihren eigenen Erinnerungen?

Schon. Tatsächlich kam meine Mutter im Winter 1990 nach Berlin und teilte mir ihren Plan mit, hierher zu ziehen. Wir hatten kein

Mutter-Sohn-Verhältnis im üblichen Sinn. Die Dinge, die wir miteinander damals verhandelt haben, sind Stoff für Anekdoten. Aber ich würde mich möglicherweise strafbar machen, wenn ich da jetzt drüber reden würde. Wir haben wirklich witzige Sachen zusammen am Laufen gehabt. Sie sagt im Film irgendwann: "Kannst du mir Speed besorgen?" Naja. Ich will mich darüber nicht näher auslassen.

Sie haben sie als Kind kaum gekannt.

Wenn man nach psychoanalytischen Ursachen dafür sucht, dass ihr Leben so verlaufen ist, dann hatte sie sicher unheimliche Schuldgefühle, weil sie ihren dreijährigen Sohn verlassen hat. Ich selbst habe meiner Mutter ihre Verantwortungslosigkeit jahrelang verübelt. Wenn man jedoch näher hinsieht, wenn ich Briefe meiner Mutter lese, auch aus der Zeit vor meiner Geburt, wenn ich die Umstände berücksichtige, die meine Mutter so oder so handeln ließen, dann wird mir klar, dass sie gar nicht anders konnte. Sie war in den schrecklich repressiven fünfziger Jahren jung. Da waren ja diejenigen, die das Sagen hatten, alle noch vom Nationalsozialismus geprägt, die Ärzte zum Beispiel, die sie konsultieren musste, weil verhindert werden sollte, dass sie meinen Vater heiratet. Man hat meinen Eltern nahe gelegt, nicht miteinander zu schlafen, weil meine Mutter körperlich und geistig nicht in der Lage sei, gesunde Kinder auf die Welt zu bringen.

Und das alles, weil Ihre Mutter unabhängig und autonom war?

Sie versuchte es wenigstens. Wie sollte sie sich allein gegen so viel Repression durchsetzen? Ich kann ihr gar nichts mehr übel nehmen. Sie selbst jedoch ist daran zu Grunde gegangen. In den entscheidenden Phasen der politischen Bewegung in der Bundesrepublik war sie in London. Die Erfahrungen, an denen andere Intellektuelle ihrer Generation genesen sind, hatte sie nicht. Sie kam zurück, als die Bilder von Mogadischu über den Bildschirm flimmerten. Da war alles schon gelaufen.

Und Ihr Vater, Klaus Roehler?

Der hat zwei Erzählungsbände geschrieben, "Die Würde der Nacht" und "Ein angeschwärzter Mann". Sehr erfolglos.

Hat er mit Ihrer Mutter konkurriert?

Man hat mir das immer so kolportiert. Aber in Wirklichkeit hat er sie in ihrem schriftstellerischen Schaffen unterstützt. Ich glaube, sie hat ihm viel zu verdanken. Wie übrigens auch viele andere Autoren, die von seinen Kenntnissen profitierten. Seine ersten Geschichten sind sehr, sehr schön. Das sind so typische Fünfziger-Jahre-Geschichten, die ein bisschen an Steinbeck erinnern.

Ihr letzter Film "Gierig" wirkte sehr hysterisch auf mich, "Die Unberührbare" dagegen sehr ruhig und aus einem Guss.

"Gierig" habe ich mir ein bisschen aus den Fingern gesogen. "Die Unberührbare" ist vor allem von der Reife der Darsteller geprägt. Hannelore Elsner zum Beispiel wollte keine einzige Szene geändert haben. Sie hat eine wirklich Demut vor dem Text. Eine wahnsinnige Disziplin ...

und eine Rolle, die nicht immer schmeichelhaft ist oder attraktiv.

Eitelkeiten kennt sie nicht. Aber sie hat viel von sich selbst in dieser Rolle wiedergefunden und eine große Sympathie für meine Mutter gehabt. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mal wieder einen Film machen könnte mit Leuten, die soviel Erfahrung haben. Mit Oskar Roehler sprach Daniela Sannwald. - Die Filmkritik und eine Erinnerung an Gisela Elsner, der der Film gewidmet ist, haben wir in unserer Mittwoch-Ausgabe veröffentlicht.

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