Kultur : Sie wissen, was sie tun

Chinesische Regisseurinnen beim Internationalen Frauenfilmfestival in Köln

Silvia Hallensleben

Der angekündigte Vortrag von Professorin Dai Jinhua beim Internationalen Frauenfilmfestival in Köln war durch interkulturelle Missverständnisse leider auf ein paar Sätze geschrumpft. Dass die Pekinger Kulturwissenschaftlerin und Filmexpertin trotzdem einiges zu sagen hatte, war erst beim Frage-und-Antwort-Spiel nach der Filmvorführung von „Locust Tree Village“ zu erfahren. Der Film, den Dai Jinhua in Köln vorstellen sollte, bedarf der Erklärung, um ihn nicht nur als bizarre exotische Spezialität zu sehen.

Der 1962 direkt nach der Hungerkatastrophe des „Großen Sprungs nach vorn“ entstandene Propagandafilm, den das Internationale Frauenfilmfest in seinem diesjährigen China-Schwerpunkt zeigt, singt ein Loblied auf die Zwangskollektivierung, in dessen Zentrum eine aufrechte Dorfvorsitzende und ihr Kampf gegen Grundherren und Gewinnsucht steht. Ein perfekt gefertigtes Propagandarührstück, das in der Inszenierung klassische Hollywood-Dramaturgie, chinesische Operntradition und die Überdeutlichkeit sozialistisch-realistischer Gemälde kantenlos verschmilzt.

Regisseurin Wang Ling, die auch für viele andere rotchinesische Klassiker verantwortlich zeichnet, soll die erste Regisseurin der chinesischen Filmgeschichte gewesen sein. Und so fungierte die filmhistorische Rarität auch beim IFFF als Folie, vor der sich das Schaffen aktueller chinesischer Regisseurinnen deutlicher abzeichnen sollte. Für drei dieser jungen Filmemacherinnen, die in Köln zu Gast waren, war die Begegnung mit Wang Lings Opus eine neue Erfahrung, auf deren Pathos sie ähnlich erheitert reagierten wie das westliche Publikum.

Dabei ließe sich Feng Yans Dokumentarfilm „Bingai“ unmittelbar als Gegenbild zu Wang Lings revolutionärer Dorfidylle lesen. Auch hier eine starke, ja starrsinnige Heldin. Auch hier geht es um Gerechtigkeit und Korruption. Auch hier wird in Dorfversammlungen mit Parteikadern lebhaft debattiert, mit der diskret beobachtenden Kamera mittendrin. Bingai ist eine Einzelkämpferin, die sich als Einzige im Dorf gegen die Umsiedlung zugunsten des Drei-SchluchtenStaudammes wehrt. Acht Jahre lang hat die Filmemacherin (auch als Einzelkämpferin) die Bäuerin begleitet und ist zu ihrer engen Vertrauten geworden. Der Film ist heute und morgen auch im Berliner Kino Arsenal zu sehen.

Alle drei Regisseurinnen, die in Köln das gegenwärtige chinesische Kino vertreten, beziehen ihre Eindringlichkeit aus Nähe und arbeiten weitgehend intuitiv. Doch sie wissen, was sie tun, auch wenn sie keine Filmschule besucht haben. Sie arbeiten im sogenannten unabhängigen Bereich jenseits von staatlicher Filmkommission und Zensur. Ihr Thema sind die Menschen, die im rabiaten Wandel unterzugehen drohen. Ihre Helden finden sie vor der Haustür. Als die Tänzerin Yang Lina begann, sich für die alten Männer vor ihrer Wohnung zu interessieren, wusste sie nicht einmal, was ein Dokumentarfilm ist. Aber sie hat sich eine kleine Kamera gekauft und losgedreht.

„Old Men“ heißt der Film, der aus zweijährigen Beobachtungen entstand und 2000 in Leipzig gleich eine Goldene Taube gewann. Liu Jiayins „Oxhide“, der 2005 auf der Berlinale im Internationalen Forum lief, ist hingegen ein Spielfilm, doch ebenso nah am Leben. Die Regisseurin macht aus den Existenznöten der eigenen Familie einen minimalistischen Spielfilm, in dem alle drei (die Filmemacherin eingeschlossen) ihren eigenen Alltag spielen. „Oxhide“ wurde von der Regisseurin selbst in einer Nacht geschnitten. Auch die anderen Filme entstanden neben der Brotarbeit ihrer Autorinnen als Übersetzerin, Dozentin oder Schauspielerin. Während sie auf internationalen Festivals Triumphe feiern, sind sie in China nur in Clubs und Universitäten zu sehen.

Umstritten, aber populär sind die Filme von Ning Ying. Sie ist eine klassisch ausgebildete Regisseurin, die mit Filmen wie „Zum Vergnügen“ (1993) und „Auf Streife“ (1995) auch im Westen bekannt wurde und mit ihrem neuesten Film „Perpetual Motion“ in Köln zu Gast war. Lange hat sie – letztendlich erfolgreich – darum gekämpft, ihr satirisches Kammerspiel um vier Damen der besseren Pekinger Gesellschaft durch die Zensur zu lotsen: ein langer Mahjong-Abend voller Getratsche über Sex und Karriere. Auch jenseits der Kulturbürokratie haben sich chinesische Männer an der verbalen Offenherzigkeit der Damen gestoßen.

Doch Einigkeit herrscht keineswegs unter den chinesischen Regisseurinnen. Ihren jungen Kolleginnen wirft Ning Ying vor, das chinesische Publikum zu ignorieren. Das ist eine Debatte, die man nach den Diskussionen um die Deutsche Filmakademie auch im Westen gut kennt.

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