Silvesterkonzert : Mit 27 hat man noch Träume

Prominenter geht’s nicht: Harald Schmidt und Lang Lang beim Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker.

Frederik Hanssen

Der Abend beginnt mit einem Affront: Erwartungsfrohe Besucher haben den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, die Berliner Philharmoniker sitzen bereits auf der Bühne, das Equipment der ARD, die in diesem Jahr erstmals das Silvesterkonzert ausstrahlt, ist in Stellung gebracht. Da tritt im Hintergrund ein Mann auf und beginnt, mit dem Rücken zum Publikum, in eine Kamera zu sprechen. Tuscheln in den Reihen: Typisch Fernsehen, die scheren sich einen Dreck um die Leute vor Ort, wenn sie ein Event aufzeichnen. Da dreht sich der Moderator plötzlich um – und es ist: Harald Schmidt. Mit höflichen Worten erklärt der Entertainer, dass er bereits am heutigen Dienstag den Ansagetext für den 31. Dezember abdrehen muss, da er am Silvesterabend verhindert sei.

Ihre TV-Präsenz ist den Berliner Philharmonikern extrem wichtig. Um die Menschen auch jenseits des Scharounschen Kulturtempels zu erreichen, sind sie zu manchem Kompromiss bereit. Eine durchaus mit Blick auf die mediale Verwertbarkeit getroffene Entscheidung war auch die Ernennung von Lang Lang zum pianist in residence in dieser Saison. Ein Coup, der sich mehr und mehr als problematisch erweist, weil die künstlerische Entwicklung des chinesischen Superstars mit seinem globalen Bekanntheitsgrad einfach nicht mithält. Wo der Pianist auf erfahrene Künstler trifft, die intensiv mit ihm arbeiten, kann er Verblüffendes vollbringen: Seine Debüt-CD, auf die ihn Daniel Barenboim als Mentor vorbereitet hat, legt ebenso Zeugnis davon ab wie seine jüngst erschienene erste Kammermusikaufnahme, bei der ihn die Musizierpartner Mischa Maisky und Vadim Repin gecoacht haben.

Im normalen Konzertalltag dagegen sind Solisten ganz auf sich gestellt: Ein, zwei Proben zur Verständigung mit Dirigent und Orchester, dann muss die Sache klappen. Zeit für inhaltliche Arbeit, für interpretatorische Nachhilfe bleibt da nicht. Und so kommt es, dass Lang Lang Sergej Rachmaninows 2. Klavierkonzert jetzt in Berlin viel schlechter macht, als es ist: Unter den Fingern des 27-Jährigen erscheint es als übler Schmachtfetzen, als seifige Filmmusik voll billiger Effekte. Mit gespreiztem Gehabe und der Naivität eines Teenagers taucht Lang Lang die lyrischen Passagen in süßliches Sentiment, badet in Mondlicht-Romantik.

Dieses Stück aber braucht einen glasklaren analytischen Zugriff, um nicht ins Triviale abzugleiten, braucht das Spiel der scharfen Gegensätze, damit seine Gefühlsstärke nicht geschmacklos wird. Lang Lang jedoch überblickt die formalen Zusammenhänge nicht, spielt nur aus dem Augenblick heraus, ohne Ziel und Strategie. Wenn Rattle Dampf macht, nimmt der Pianist die Energie sofort wieder heraus. Seine virtuosen Läufe wissen nicht, wohin sie wollen, dort, wo er führen müsste, zu Beginn bei seinen dumpfen Glockenschlägen im Bass, lässt er sich von den Streichern überspülen, später, wenn das Orchester den Solisten im Marschtempo vor sich hertreibt, leistet er keinen Widerstand. Erschütternd, wie wenig Lust am Tastentigertum er zeigt: Da gibt es keinen Flirt mit dem Publikum, da nutzt er seine technische Brillanz nie, um lässig das Zirzensische dieser Musik auszureizen.

Was hilft Lang Lang ein zuvorkommender Begleiter wie Rattle, wenn er keinerlei Gestaltungswillen an den Tag legt? Die Finger bewegen sich phänomenal flink, jedoch ohne mit den Noten etwas Substanzielles zu erzählen.

Wie passend, dass nach der Pause ein Kinderballett folgt: der zweite „Nussknacker“-Akt, als Fortsetzung des diesjährigen Waldbühnen-Programms und zur Vorbereitung für eine Gesamteinspielung des Tschaikowsky-Balletts auf CD – was dann auch die Idee sinnvoller macht, allein für die Zugabe, den Schneeflöckchen-Walzer, den Rundfunk-Kinderchor einzubestellen.

Was für ein Unterschied zu Lang Langs Pennäler-Poesie! Die (wegen der TV- Tantiemen schlaraffenländisch üppig besetzten) Streicher rauschen auf, Harfen glitzern, die Celesta klingelt, und schon öffnet sich das Zauberschloss des aufgeklärten Philharmoniker-Klangs. Hier erblüht die Partitur, hier schlägt ein lebendiger Puls, weil alle Musiker mitdenken, weil jeder Ton weiß, wo er hingehört und welches Ziel die Reise haben soll. Wie die Bratschen und Celli im arabischen Tanz ihr Mini-Motiv in der Endlosschleife halten, ohne einen Takt lang in der Spannung nachzulassen, wie die Holzbläser ihre verführerischen Melismen entfalten, das ist reflektiertes Raffinement: So wird Unterhaltungsmusik zur großen, beglückenden Kunst.

Das Konzert ist heute ab 17.15 Uhr in der ARD zu sehen und wird zudem kostenlos ins Sony-Center übertragen.

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