Kultur : Simon McBurney wandelt mit seinem "Theatre de Complicite" auf den Spuren von Ötzi

Andres Müry

Maske aufsetzen, Ahornblatt in die Linke und dann: " Stellen Sie sich vor, Ihre Großeltern stehen hinter Ihnen."Andres Müry

Wollen wir uns intensiv an früher erinnern, schließen wir die Augen. Kann sein, wir führen uns dazu bedeutsam noch ein Gebäck unserer Kindheit an die Nase - oder aber auch nur ein schlichtes Ahornblatt. Ein solches, pflückfrisch und zusammen mit einer Schlafmaske von Swissair in Cellophan eingetütet, findet der Zuschauer im Salzburger Stadtkino auf seinem Sitz. Auf dem Festspielprogramm steht eine Uraufführung: Simon McBurney und sein Theatre de Complicite zeigen ihr neues, selbstentwickeltes Stück "Mnemonic" - "Gedächtnishilfe". Im seifigen Stil eines Variété-Conférenciers bittet McBurney, die Maske aufzusetzen und das Blatt in die linke Hand zu nehmen. "Erinnern Sie sich an Ihre Einschulung, als Sie sechs waren." - "Stellen Sie sich vor, Ihre Großeltern stehen hinter Ihnen." - "Fahren Sie mit den Fingerkuppen den Blattlinien entlang, in der Reihe Ihrer Vorfahren, immer weiter bis zu dem Punkt, wo jeder von den Anwesenden mit jedem verwandt ist."

Das ist komisch, bringt uns zum Lachen, klingt aber auch etwas feierlich, etwas religiös. Das dürfen wir vorerst vergessen, denn McBurney, der Conférencier, verwandelt sich jetzt in Virgil, den handysüchtigen Londoner Stadtneurotiker. Seit acht Monaten geistert er schlaflos in seinem Zimmer herum, weil sich seine Freundin Alice nicht mehr meldet; auf seiner Mailbox hat sie lediglich hinterlassen, dass sie ihren Vater suche, den sie nie gekannt hat. Die Leere beginnt Virgil mit einer Obsession zu füllen: Er träumt sich in jene Gletschermumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen auftauchte und unter dem Namen Ötzi weltberühmt wurde. Ötzi lag etwa 4000 Jahre im Eis, fand die Forschung heraus, war wohl Hirte, ein alter, arthritischer Mann mit Rippenbrüchen und einer Kopfwunde, der vor seinen Angreifern floh und, ein Rindengefäß ohne Nahrung, dafür aber mit Ahornblättern (!) umgehängt, vom einbrechenden Winter überrascht wurde. McBurneys Vater war, man weiß es, Paläontologe, und der Sohn bekennt, der Ötzi-Fund habe in ihm, ähnlich wie ein Musikstück aus einer fremden Kultur, ein "Gefühl des Wiedererkennens" ausgelöst: Das muß wohl als Erklärung für Virgils aparte Obsession genügen - zumal der theatralische Reiz, den sie abwirft, beträchtlich ist. Bald schlüpft Virgil in Ötzis Gestalt und posiert in der seitlichen Liegehaltung, in der die verlederte Mumie, den linken Arm - vom Gletscher - unters Kinn geschoben, obduziert wurde. Drum herum füllt sich das Zimmer mit den Akteuren, die bei der Entdeckung und Untersuchung Rollen spielten: das Bergsteigerpaar, das Ötzi fand; der Innsbrucker Professor Spindler, der den Fund auswertete und - Hauptquelle MacBurneys - das blumig-spekulative Buch "Der Mann im Eis" schrieb. Der skurrile Streit zwischen Italien und Österreich, wem Ötzi gehöre, wird nachgespielt, ebenso eine wissenschaftliche Konferenz, auf der Hypothesen über Ötzis Alter und Schicksal diskutiert werden.

Verschränkt ist diese Geschichte mit der von Alice (von verstörendem Eigensinn: Katrin Cartlidge), die sich nun doch per Handy bei Virgil meldet. Die Suche nach ihrem Vater hat sie über Berlin nach Warschau geführt; dort bekommt sie von seiner Schwägerin, für die er ebenfalls verschollen ist, einen Karton mit ein paar Schuhen und einem hebräischen Gebetsschal ausgehändigt. Ein BBC-Korrespondent, mit dem Alice im Zug schläft, analysiert mit ihr den Fund: Der Vater ist vermutlich Jude, und die Einkerbungen seiner Sohlen zeigen, dass er Klavier spielt. Schließlich erblickt Alice in einem polnischen Dorf unter einem Apfelbaum einen schlafenden alten Mann, hält es für möglich, dass es ihr Vater ist, beschließt aber, es nicht wissen zu wollen. Stattdessen reist sie - jetzt oder nie, Dramaturgie - nach Bolzano, wo, wie sie von Virgil per Handy erfährt, sein Obessionsobjekt Ötzi im Museum liegt.

Soviel hanebüchene Konstruiertheit würde uns Zuschauer bei jedem minderen Talent in die Flucht jagen. Doch bei McBurney und seinem - diesmal siebenköpfigen - multinationalen Ensemble passiert etwas Wundersames: Im ständigen Prozess der Verwandlung - und McBurneys Theater ist eins der Verwandlung -, im Medium des Erzählens selber lösen sich die Schlacken des Stoffs auf. Soviel ingeniöse Erfindungen - am schönsten: wenn die Truppe ganz behutsam einen zusammenlegbaren Reisestuhl wie eine Gliederpuppe als Ötzi zum schleppenden Gehen bringt -, soviel pantomimische Charakterisierungskunst - das Frieren auf dem Gletscher, das Rütteln im Zug -, soviel choreographische Präzision: das hat heutzutage in Salzburg und anderswo nichts seinesgleichen. So nehmen wir sogar den Schluß als Apotheose eines Theaters de simplicité, der edlen Einfalt hin. In einer seriellen Choreographie legt sich jeder nacheinander in Ötzi-Position auf den Untersuchungstisch und rollt ab: Ötzi sind wir alle. Dann füllt der leidende Ledermann als farbige Diaprojektion die gesamte Bühnenrückwand, und die Truppe schreitet feierlich auf ihn zu. Wie andächtige Betrachter einer prähistorischen Höhlenmalerei? Wie Gläubige auf das Bild ihres Religionsstifters? Wie auch immer: In Ötzis Namen Amen.
© 1999

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