Simon Rattle beim London Symphony Orchestra : Heimkehr eines Maestro

Ein neues Musikzentrum in London? Simon Rattles Rückkehr in seine Heimat wird mit enormen Erwartungen verknüpft.

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Der Sir kehrt zurück nach Großbritannien. Simon Rattle übernimmt im September die Leitung des London Symphony Orchestra. Foto: Tim Brakemeier/dpa
Der Sir kehrt zurück nach Großbritannien. Simon Rattle übernimmt im September die Leitung des London Symphony Orchestra.Foto: Tim Brakemeier/dpa

Als im März 2015 bekannt wurde, dass der scheidende Berliner-Philharmoniker-Chef Simon Rattle zum Herbst 2017 die Leitung des London Symphony Orchestra übernimmt, kam gleichzeitig das Gerücht auf, der Dirigent habe seine Zusage an die Bedingung geknüpft, dass in der britischen Hauptstadt ein neuer Konzertsaal gebaut werde. Es stimmt zwar, dass Rattle das aktuelle Stammhaus des Orchesters, das Barbican Centre, für suboptimal hält. Die Zusage für einen Neubau aber hat es nie gegeben, wie der 62-Jährige jetzt in einem „Guardian“-Interview erklärt hat. Dass es überhaupt zu dem Projekt kam, sei vor allem der Rivalität zwischen dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson und dem Schatzkanzler der Regierung Cameron, George Osborne, zu verdanken.

Auch wenn offiziell nach dem Brexit alle Überlegungen in diese Richtung auf Eis gelegt wurden, sieht der Maestro noch Chancen für ein neues Musikzentrum in London. Ein Haus mit neuem Geist müsse entstehen, betont Rattle. Die Museen hätten es ja schließlich auch geschafft, von „Nicht berühren“- zu „Bitte berühren“-Institutionen zu werden.

Die Arbeitsbedingungen auf dem viel zu kleinen Orchesterpodium des Barbican beschreibt der Dirigent so: „Alle tun wirklich ihr Bestes, aber es ist, als wenn man in einem Fahrstuhl sehr schnell im Kreis rennt: Irgendwann kommt man an den Punkt, wo Wände und Decke einfach zu nah sind“. Darum wird er künftig mit dem LSO auch in anderen Locations auftreten. Bei den Proms in der Royal Albert Hall werden sie in diesem Sommer beispielsweise gemeinsam Schönbergs monumentale „Gurrelieder“ spielen, in der Turbinenhalle der Tate Modern ist eine Aufführung von Stockhausens „Gruppen“ für 109 Spieler und drei Dirigenten geplant.

Seinen privaten Wohnsitz in Berlin behält Rattle

Rattles Rückkehr in seine Heimat wird dort mit enormen Erwartungen verknüpft. „Er ist einer, der die Klassik auf die Titelseiten der Zeitungen bringt“, schwärmt Nicholas Kenyon, der Generalmanager des Barbican Centre. „Die Fernsehkameras folgen ihm; er wird die Musik auf eine neue Ebene heben,“ sagte er dem „Guardian“. Rattle selber nennt die Neugier und den Enthusiasmus der Orchestermusiker als Hauptgrund für seine Entscheidung: „Ihre rhythmische Präzision, ihre Flexibilität, ihre Energie sind unglaublich“. Durch seine Erfahrungen bei den Berliner Philharmonikern werde er dem Orchester einiges anbieten können, wenn es darum gehe, dem Klang noch mehr Tiefe zu verleihen. Ach was den Umgang mit Barockmusik und Mozart betrifft, könne er sich nützlich machen.

Vier Monate pro Jahr sind in Rattles Terminplan künftig für London reserviert. In dieser Zeit werde er sich „den Arsch aufreißen“ für das Orchester und die dortige Kulturszene. Seinen privaten Wohnsitz in Berlin wird er beibehalten. Nicht nur aus Rücksicht auf seine drei jüngsten Kinder, die hier zur Schule gehen. „Würde ich in London leben, wäre ich jeden Tag im Dienst“, erläutert er der britischen Zeitung, „und ich weiß nicht, ob ich das überleben könnte.“ Wenn er vor Ort ist, steht er seinen Musikern voll zur Verfügung, auch für die Alltagsarbeit hinter den Kulissen. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Valery Gergiev, der nur für die Konzerte einschwebte.

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