Kultur : Simsalabim - es blutet die Wand!

JÖRG UTHMANN

"Dedi schnitt der Gans den Kopf ab und trug ihn bis ans andere Ende des Saales.Danach sagte er ein Zauberwort, worauf sich die Gans und der Kopf erhoben, aufeinander zuwatschelten und sich wieder vereinigten." So beschreibt ein von dem Berliner Ägyptologen Lepsius 1839 entdeckter Papyrus das erste Zauberkunststück der Geschichte, von dem wir dokumentarische Kenntnis haben.Der Pharao, vor dem Dedi seine Kunstfertigkeit zeigte, war der Pyramidenbauer Cheops.Im Mittelalter war das Zaubern eine gefährliche Sache.Aus den meisten französischen Städten waren Taschenspieler (faiseurs de tours) verbannt.Wer das Verbot mißachtete, mußte damit rechnen, von der Inquisition scharf verhört zu werden.

In Deutschland war es nicht anders.Dr.Georg Faust - nicht Johann, wie die Sage, oder Heinrich, wie Goethe ihn nennt - hielt an der Universität Erfurt Vorlesungen über Homer, in denen er die antiken Helden zur körperlichen Erscheinung brachte.Kurz danach mußte er die Stadt fluchtartig verlassen.Ladykiller Heinrich VIII.ließ sich zwar gern von seinem Hofzauberer Brandon verblüffen.Doch verbot er ihm, gewisse Tricks zu wiederholen - wie etwa den, eine Taube an die Wand zu malen und mit dem Messer auf das Gemälde einzustechen, worauf eine richtige Taube tot vom Dach fiel.

Die meisten Zauberer jedoch gehörten zu dem fahrenden Volk, das Jahrmarktsbuden und Zirkuszelte bevölkerte.Drei Herren befreiten sie aus diesem Milieu: Der Turiner Bartolomeo Bosco (1793-1863) zeigte sene atemberaubende "ägyptische Magie" in allen europäischen Theatern.Johann Nepomuk Hofzinser (1807-75) lud die Wiener Gesellschaft dreimal in der Woche in seinen Salon, um sie mit seinen Kunststücken zu überrumpeln.Jean-Eugène Robert-Houdin (1805-71) schließlich war der erste Zauberkünstler, der Magnetismus, Hydraulik und Elektrizität studierte und ihnen seine besten Effekte abgewann.

Viele der Tricks, die "der Vater der modernen Magie" in seinem eleganten Théâtre des Soirées Fantastiques im Palais Royal aus der Taufe hob, gehören noch heute zum Repertoire der magischen Zunft.So groß war sein Ruhm, daß der ungarische Ausbruchs- und Entfesselungskünstler Erich Weiss seinem Idol mit seinem Bühnennamen nacheiferte: Er nannte sich Harry Houdini.Noch wichtiger aber war ein anderer Ableger.Der letzte Direktor des Théâtre des Soirées Fantastiques, Georges Méliès, führte 1896 eine neue Art von elektrischen Kunststücken vor, die die Welt veränderten: die ersten Filme.

Robert-Houdin stammte aus Blois und wollte wie sein Vater Uhrmacher werden.Durch ein Versehen wurde ihm in der städtischen Bücherei statt des verlangten technischen Traktats ein Buch über die unterhaltsamen Seiten der Naturwissenschaften ausgehändigt.Er entdeckte, daß es etwas Aufregenderes gab als das Reparieren von Uhren.Doch blieb er seiner Passion für die Feinmechanik lebenslang treu.Wenn es sein mußte, war er auch bereit, seine Kunst in den Dienst der Politik zu stellen.Louis Philippe schickte ihn ins unruhige Algerien, wo er den Rebellen klarmachen sollte, daß die christlichen Medizinmänner stärker waren als die islamischen.Robert-Houdin drückte einem der Marabuts einen Revolver in die Hand und lud ihn ein, auf ihn zu schießen.Die Kugel verschwand in der Luft und tauchte zwischen den Zähnen des Zauberkünstlers wieder auf.Nun nahm Robert-Houdin den Revolver, schoß gegen die Wand, und die Wand begann zu bluten.Leider lassen sich die Rebellen von heute mit solchen Tricks nicht mehr einschüchtern.

Eine Zeitlang betrieb die Familie Robert-Houdin in seinem Geburtshaus ein kleines Museum, das an ihren berühmten Ahnherrn erinnerte.Dann ging das Geld aus, und die Sammlung verschwand im Depot des Schlosses.1989 wurde Jack Lang zum Bürgermeister von Blois gewählt.Da er zugleich Kulturminister war, standen auf einmal die Mittel des Staates zur Verfügung.Gewaltige Pläne wurden geschmiedet.Von einem "Konservatorium des Traums", einem "Pavillon der Ekstase" war die Rede.1994 verlor Lang sein Ministeramt, und die Ekstatiker kehrten auf den Boden der Tatsachen zurück.Im Sommer, als die "Maison de la Magie" in einem Jägerhaus gegenüber dem Schloß eröffnet wurde, hatten Staat und Stadt immerhin 75 Millionen Francs ausgegeben.Doch betrieben wird das Museum von einem privaten Unternehmer, dem Asterix-Park, einer französischen Version von Disneyland.

Die wechselvolle Entstehungsgeschichte des Museums ist deutlich zu erkennen.Der wertvollste Teil sind die alten Bestände mit historischen Plakaten, Robert-Houdins Manuskripten, seinen Automaten und seinen berühmtesten Tricks - von der mysteriösen Uhr bis zur zersägten Jungfrau.Um diesen Kern ranken sich Erinnerungsstücke an andere Zauberer, indische Koffer und optische Scherze, die vor allem den Kindern Freude machen.Dazu gehört auch der sechsköpfige Drache, der immer zur vollen Stunde aus den Fenstern des Museums herausfährt und brüllt.Hier zeigt sich eindeutig die Hand von Asterix.Geplant ist auch eine "Akademie der Geheimnisse", eine Datenbank, die es den Adepten der Zunft ermöglichen soll, mit ihren Zunftbrüdern zu kommunizieren.Zunftschwestern sind kaum darunter.Offenbar hat die Zauberin Kirke, die die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelte, nur wenige Nachfolgerinnen gefunden.

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