Kultur : Sing, Eurydike!

Roger Willemsens Erzähldebüt „Kleine Lichter“ feiert die Göttlichkeit der Liebe

Ursula März

Liebeserklärungen sind immer ein bisschen verdächtig. Die Liebe, die kein Zweifel trifft, hat die rhetorische Mitteilung eigentlich nicht nötig. Über den Sauerstoff in der Luft, ohne den wir keine zehn Minuten überleben können, reden wir ja auch nicht alltäglich, sondern nur, wenn er knapp wird. Und so steht die Erklärung der Liebe im Verdacht, von einem Gefühl zu sprechen, das sich eigentlich schon auf dem Rückzug befindet und mit dem Lasso der Sprache wieder herangeholt werden soll.

Im Kern jeder Liebeserklärung steckt folglich die Geschichte von Orpheus und Euridyke. Vom Sänger, der die Chance erhält, die tote Geliebte aus dem Totenreich herauszuholen, wenn er nur schön genug dichtet und musiziert. In jeder Liebeserklärung steckt so aber auch – und das ist der Punkt, an dem Roger Willemsens Erzählmonolog „Kleine Lichter“ anknüpft – eine Totenklage. Die Liebesrede richtet sich an einen Abwesenden. Denn wäre er da, müsste man ja nicht sagen: Ich liebe dich. Es verstünde sich, wenn es zutrifft, von selbst.

Nun sind, in Roger Willemsens erster, genuin literarischer Prosaarbeit, die Rollen vertauscht. Orpheus, in ein Wien lebender Zeitgenosse vermutlich mittleren Alters, ist im Totenreich, das heißt, er liegt im Wachkoma im Krankenhaus. Und Eurydike, eine in Tokio lebende deutsche Zeitgenossin, Kunsthändlerin von Beruf und vermutlich ebenfalls mittleren Alters, sitzt neben dem Bett des Kranken oder in seiner Wohnung, spricht zu ihm und gleichzeitig auf Kassetten, die dem komatösen Patienten vorgespielt werden sollen, wenn sie nach Tokio abgereist ist, um dort – so kann man vermuten – ihre Zelte abzubauen.

Ihre Stimme soll bei ihm sein. Ihre Stimme, ihr einseitiges Gespräch über die Liebe soll ihn aus dem Koma ins Leben zurückholen. Roger Willemsens Erzählung ist nichts anderes als der Kunstmonolog dieser Frau, der kein anderes Thema hat, als: Erklärung der Liebe. In gewisser Weise hätte Roger Willemsen, der überaus bekannte, überaus erfolgreiche Essayist, Porträtist, Dokumentarfilmer, Fernsehmoderator, Germanist, kurzum: Alleskönner, seine Ankunft in der belletristischen Literatur nicht klüger gestalten können. Allein die Wahl der weiblichen Erzählperspektive ist glücklich bei einem Autor, dessen Gesicht eine so hohe mediale Bekanntheit besitzt.

Denn just dieses Gesicht verschwindet beim Lesen automatisch, weil die Lektüreidentifizierung mehr als bei jedem anderen Genre in dem der Liebeserklärung nur dann gelingt, wenn der Leser das Geschlecht dessen, der spricht und dessen, der angesprochen wird, keinen Moment vergisst. Schon der einfache Satz „Du siehst dir meinen Körper an“ ist nur dann sinnvoll, wenn geklärt ist, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Körper handelt. Dabei ist von all dem, vom Aussehen des Paares, von der Einrichtung seiner Wohnungen, ja, von allem, was den zivilen Status eines Menschen ausmacht, nicht die Rede.

Dass es für beide die große, wohl auch erste große Liebe ist, die sie bindet, das wird klar, auch, dass die Frau eine Reihe von Geliebten hatte, die unvollkommen genug waren, um von ihr leicht und schmerzlos verlassen zu werden. Aber auch über dieses Vorleben erfährt der Leser so wenig Narratives, Anekdotisches wie, genau genommen, über das Leben dieser Eurydike mit ihrem Orpheus, bevor er ins Koma fiel.

Es gibt in diesem Prosamonolog, der den Begriff Erzählung deshalb auch nicht verdient, eigentlich gar keine Außenwelt. Er entsteht auf bewundernswert radikale Weise ausschließlich aus dem Innenraum des Gefühls, aus der Erkundung seines Wesens. Natürlich streift diese oft bohrende, oft versessene, immer reflektierende Erkundung auch reale Erfahrungen des Paares; das Kennenlernen in einem Londoner Restaurant; das Bemerken und Erkennen des anderen in den über zwei Tische hinweggehenden Blicken; die ersten gemeinsamen Tage; die erste Trennung zwischen Kontinent und Kontinent; ihr erster Besuch bei ihm in Wien; der erste Sex; die erste Krise im Gefühl. Aber seine Energie bezieht der Text keinen Moment lang aus den Schilderungen solcher angerissenen Szenen. Sondern ausschließlich aus der Form des emphatischen Traktats. Sie lehnt sich an den Essay. Und in diesem kennt sich der Autor seit langem aus.

Andererseits hätte sich Roger Willemsen seinen Einstieg in die Literatur kaum schwerer machen können. Wer lange in London gelebt hat, in ziemlich vielen Winkeln der Erde und im Fernsehbusiness unterwegs gewesen ist, wer Madonna interviewt, über Musil promoviert und einen japanischen Menschenfresser in der Sendung zu Gast gehabt hat, wer sich mit Philosophie auskennt wie mit der Mode von Vivienne Westwood – von dem, von einer Person wie Roger Willemsen also, hätte man am ehesten einen dieser intelligenten, dezent kosmopolitischen Gesellschaftsromane erwartet.

Nichts davon. Willemsen interessiert sich hier weder für die Geschichte der Gesellschaft, noch für die des öffentlichen Lebens. Er interessiert sich für eine einzige Geschichte: die der Empfindsamkeit. Und an dieser wiederum interessiert ihn nur eine einzige Konstellation: das Extrem des Ausnahmezustands. Wie anders sollte man es bezeichnen, wenn eine Liebeserklärung, ein Liebesmonolog bewirken soll, was die ganze moderne Medizintechnik nicht schafft, nämlich einen Halbttoten zum Leben zu erwecken.

So schreibt Roger Willemsen in seinem literarischen Debut über nichts Geringeres als den Idealpunkt der Liebe, über ihre Göttlichkeit. Einen Text, der darauf hinausläuft, lebenseinhauchender Atem zu sein, und dessen im Titel anklingendes allegorisches Hauptmotiv das Göttliche im Wesen der Liebe unmittelbar anpeilt. Noch bevor die Frau den Mann in London kennen lernt, hat sie ein epiphanisches Erlebnis, das die Liebe ankündigt. Sie sitzt im Flugzeug, überfliegt die Mongolei und hat plötzlich einen dünnen Lichtstrahl von der Erde im Auge, der, so denkt sie, von einer Glasscherbe in der mongolischen Steppe ausgeht, die das Sonnenlicht bündelt und reflektiert. Der Ursprung des Lichts aber, das zwischen Himmel und Erde hin- und hergeht, ist das Auge Gottes.

Das alles ist motivisch und gedanklich schon ziemlich kühn und etwas irre. Wer ein solches Buch schreibt, intelligent, belesen und gebildet ist, weiß, dass er auf jeder Seite mindestens einen Satz dem Kitsch opfert und einen Nutzungsvertrag mit der Sentimentalität abgeschlossen hat. Wer es trotzdem tut, dem ist es der Versuch einfach wert. Roger Willemsens Versuch über die Liebe ist bescheiden, denn er beansprucht nicht mehr als zwei Personen, eine Stimme und den Innenraum eines Gefühls. Und er ist unbescheiden, denn diesen Innenraum beansprucht er bis an die äußerste Grenze ausgedrückter Empfindsamkeit. Es ist ein eindrücklicher und nachwirkender Text. Und es ist seltsam zu sehen, wie vollkommen er sich seinem Gegenstand anverwandelt und die wichtigsten Wesenszüge der Liebe, ihre zerbrechliche Zartheit und ihre blinde Furiosität angenommen hat.


Dieses Buch bestellen Roger Willemsen: Kleine Lichter. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 2005, 205 Seiten, 17,90 €.

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