Kultur : Singakademie zu Berlin: Liebesgrüße aus Kiew

Frederik Hanssen

Was für eine diplomatische Geste: Die Singakademie zu Berlin hat am Mittwoch erstmalig ein Werk aus ihrem in Kiew wieder aufgetauchten Archiv in "ihrer" Stadt vorgestellt - bei einem Festakt zum 10. Unabhängigkeits-Jubiläum der Ukraine in der Komischen Oper. Gemeinsam mit dem Kammerorchester "Kiewer Solisten" und einem deutsch-ukrainischen Solistenquartett präsentierten sie Carl Philipp Emanuel Bachs "Dankeshymne an die Freundschaft", eine heitere Kantate, stilistisch oszillierend zwischen spätbarocker Formsprache und galantem Stil, Da-Capo-Arie und Strophenlied.

Es war die erste Aufführung des Werkes seit 1786. Ermöglicht wurde sie einerseits durch die hartnäckige Forschungsarbeit des Musikwissenschaftlers Christoph Wolff, der das seit 1945 als verschollen geltende Archiv vor zwei Jahren in einer Kiewer Bibliothek aufstöberte, andererseits aber auch durch die Bereitschaft der ukrainischen Regierung, dieses Stück "Beutekunst" an ihre Eigentümer in Deutschland zurückzugeben.

Seit der Gründung 1791 hatte die Singakademie eine Sammlung von unschätzbarem Wert zusammengetragen, 5170 Werke auf einer Million Notenblättern. Neben teils unbekannten Kompositionen der beiden ältesten Bach-Söhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel bilden Werke von Graun und Telemann das Herzstück der Kollektion. Doch auch Stücke von Vivaldi oder Pergolesi und sogar Goethe-Briefe finden sich darunter.

Wenn Bundeskanzler Schröder Ende September in die Ukraine reist, soll er eine erste "Lieferung" der Originale erhalten: 12 Kisten, die von den Forschern schon sehnsüchtig erwartet werden. Bei einem ersten Besuch in Kiew hatte ein westliches Wissenschaftler-Team nur rund 100 Partituren sichten können. Dass sich die Handschriften in hervorragendem Zustand befinden, war dabei die freudigste Überraschung.

Inzwischen stehen den Spezialisten große Teile der Bestände auf Mikrofiches (die mit Hilfe der Kulturstiftung "Packard Humanities" entstanden) zur Verfügung. Wenn aber die Originale in der Staatsbibliothek eintreffen, beginnt das Riesenprojekt erst richtig: Die gesamte Klassik-Szene der deutschen Hauptstadt von den Alte-Musik-Ensembles bis zu den Berliner Philharmonikern sollte sich zusammentun, um die Schätze zu heben. Das setzt zwei Dinge voraus: Erstens, dass sich die Singakademie zu Berlin nicht an ihr gutes Recht klammert, alle Werke in Eigenregie aufzuführen, zweitens, dass der Senat die Bedeutung dieses einmaligen Glücksfalls für die Stadt erkennt und die Wissenschaftler-Stellen finanziert, die nötig sind, um das Aufführungsmaterial zu erstellen. Denn erst, wenn die Partituren erklingen, sind sie wirklich in Berlin angekommen.

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