Kultur : Singen in einer gesampelten Welt Heute beginnt in Berlin das Maerzmusik-Festival

Carsten Niemann

Die Auftaktkonferenz zum Maerzmusik- Festival beginnt mit einer Schrecksekunde. Der Vortragende stottert. Das Stottern geht in ein leises wahnwitziges Kichern über und bricht in wilde Operngesten aus. Die Töne stammen von David Moss und den Worten dazwischen entnimmt man, dass sich der Stimmkünstler und Leiter des Institute of Living Voice auf die Erfahrungen des heute beginnenden, bis 13. März dauernden Festivals für aktuelle Musik freut. Mit seinem Institut, das als „nomadisierende Akademie“ seit 2001 mit Performances, Workshops und Symposien um die Welt tourt, steht er insbesondere für den Schwerpunkt „Musik – Stimme – Text“. Und für die Offenheit des Festivals: Profis und mutige Amateure aller Stilrichtungen sind es, mit denen sich Moss auf die Suche macht nach Möglichkeiten des „Singens in einer gesampelten Welt“. Darunter zum Auftakt: 50 mutige Berliner Sangesbegeisterte: Diese werden das Festival heute, direkt vor dem offiziellen Eröffnungskonzert mit der London Sinfonietta, mit einem fünfminütigen A-capella-Stück von Moss im Haus der Berliner Festspiele eröffnen.

Was es mit dem zweiten Hauptschwerpunkt, „Musica Brasiliera Descomposta“ auf sich hat, erfährt man am Ende der Konferenz: Denn hier greift die Kuratorin Silvia Ocougne zur Gitarre, um den Komponisten Chico Mello beim Vortrag einer brasilianischen Weise zu begleiten. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen, die Gitarre ist nicht hörbar, Ocougne versucht, Mello etwas ins Ohr zu flüstern. In dem Moment, da man geneigt ist, über den Fauxpas hinwegzusehen, fällt der Groschen: Es sind die beiläufigen Bewegungen Mellos wie sie alten südamerikanischen Barden eigen sind, die das strukturgebende Element der Performance ausmachen. Doch nicht nur Klischees sollen befragt werden. Komponisten wie Chico Mello interessieren sich für Remixe mit der amerikanischen und europäischen Kultur, die nun wiederum nach Europa schwappen. Eines davon sind die brasilianischen Seifenopern, die Telenovelas: Ihren Emotionsüberschwang will der Komponist in seinem Musiktheaterstück „Destino das Oito“ mit der Coolness des Bossa Nova kontrastieren.

Dekonstruktionen sensibilisieren – auch unfreiwillig. Über 600 bizarre Instrumente hat der Komponist Benedict Mason für seine Komposition „felt / ebb thus / brink / here / array / telling“ konstruiert. Mit ihr wird das Frankfurter Ensemble Modern am 12. März in eine Fabrikhalle des Kabelwerks Oberschöneweide einfallen und die brache Industrielandschaft erstmals für das Berliner Publikum als Konzertstätte erobern.

Infos unter: www.maerzmusik.de

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