Kultur : Singen in Schlichtheit - im Konzerthaus

Martin Wilkening

Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" ist in Berlin immer ein Fremder geblieben. Und so besaß auch die Aufführung der "Jedermann-Monologe" von Frank Martin, die Horst Stein in den Mittelpunkt seines Konzertes mit dem Deutschen Symphonie-Orchester im Konzerthaus gestellt hatte, den Reiz des Besonderen. 1943 schrieb Martin seine Szene für Bariton und Orchester, dominiert von kompakten Bläsersätzen voll zeichenhafter Todessymbolik in einer Harmonik von kühler Strenge. Die sechs Gesänge sind jeweils auf eine Grundfarbe gestellt, und ein starkes konstruktives Element tritt in der reduzierten Motivik des Instrumentalparts hervor. Sie bewahrt die Musik vor einer bloß stimmungsmäßigen Ausdeutung des Textes und pointiert vielmehr auch die konstruktive Seite der Hofmannsthalschen Knittelverse. Der Vokalpart ist in raffinierter Schlichtheit deklamierend auf Textverständlichkeit hin angelegt, die Roman Trekel allerdings weitgehend verfehlte. Trotz der unklaren Artikulation und angestrengten Einfarbigkeit der Stimme besaß die Aufführung aber doch Format, dank der spürbaren musikalischen Intelligenz dieses Sängers, seiner Fähigkeit, Bögen zu bauen und die Details auf das Ganze zu beziehen. Für das DSO war der Ostermontag offenbar nicht gerade der beste Arbeitstag, jedenfalls fehlte auf der Bühne jene höchste Konzentration, die die souverän reduzierte Gestik eines Horst Stein eigentlich einfordert. So lag das Problem in Beethovens 3. Sinfonie, bei der man vom DSO schon einiges erwarten darf, vor allem in den oft schludrigen Phrasierungen, allerdings auch in den etwas steifen und feierlich breiten Tempi, die Stein durchweg anschlug.

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