Kultur : Sinnsucher

Pionier der Alten Musik: Gustav Leonhardt ist tot.

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Foto: Paul Ruet
Foto: Paul Ruet

Betrachtet man die Überfülle, die heute im Bereich der Alten Musik auf dem Klassikmarkt herrscht, ist es kaum vorstellbar, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten kaum Menschen gab, die sich Barockes auf historischen Instrumenten anhören mochten. Aus Mangel an Publikum begann Gustav Leonhardt seine Karriere darum als Schallplattenkünstler. Nach dem Orgel- und Cembalo-Studium an der Schola Cantorum in Basel war der 1928 geborene Holländer 1950 nach Wien gekommen, wo er in Nikolaus Harnoncourt einen Gleichgesinnten fand. Gemeinsam begannen sie, die Musik des 18. Jahrhunderts systematisch zu erforschen und versuchten, ausgehend von den Quellen, sich in ihren Interpretationen dem Geist der Entstehungszeit anzunähern. Legendär ist ihre Einspielung aller Kirchenkantaten Bachs, die sie von 1971 bis 1990 realisierten.

Besonders die Authentizität der Instrumente war Gustav Leonhardt wichtig. Als einer der ersten ließ er sich Cembali nach historischen Vorbildern nachbauen. „Auch im 19. Jahrhundert hat man Bach gespielt“, sagte er in einem Interview, „allerdings ohne zu bedenken, dass sich die Instrumente geändert haben, dass die Ästhetik sich geändert hat. Ändert man das Äußere, kann man aber das Innere nicht mehr erfassen“.

Während Harnoncourt sein Tätigkeitsfeld bald über Mozart bis zu Bruckner erweiterte, blieb Leonhardt dem barocken Repertoire treu, akribisch und detailversessen. Seinen letzten Auftritt absolvierte der Pionier der Alten Musik im Dezember in Paris. 83-jährig ist er jetzt in Amsterdam gestorben. Frederik Hanssen

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