Sittenlehre : Die Absurdität des Junta-Terrors

"Sittenlehre": Martín Kohan untersucht die seelischen Folgeschäden der Juntazeit.

Marianna Lieder

Im April des Jahres 1982 bricht die argentinische Militärjunta unter General Galtieri den Falklandkrieg vom Zaun: Nachdem sich die Proteste gegen den Staatsterror gemehrt hatten, wollen die Machthaber durch einen schnellen patriotischen Eroberungsfeldzug wieder Rückhalt in der Bevölkerung erlangen. Während das ganze Land zwischen national verordneter Kriegseuphorie, Wirtschaftskrise und innenpolitischen Konflikten dem Ende der Militärdiktatur entgegentaumelt, herrscht hinter den dicken Mauern des Colegio Nacional von Buenos Aires Alltagsdisziplin. Auf den Gängen des Elitegymnasiums paradieren Jungen und Mädchen im Gleichschritt, für Betragen und Garderobe gelten aberwitzig strenge Vorschriften, bereits ein zu locker sitzendes Zopfband oder ein unakkurat ausrasierter Nacken werden als Akte der Insubordination geahndet.

Martín Kohan, Jahrgang 1967, war kurz vor dem Kollaps des Junta-Regimes selbst Zögling der prestigeträchtigen Drillanstalt der argentinischen Hauptstadt – damals in etwa so alt wie die Schüler, die von der Aufseherin María Teresa, der Protagonistin seines Romans „Sittenlehre", mit besonderem Eifer beobachtet werden. Für die einfältige junge Frau sind die Methoden des tötalitären Systems unhinterfragbare Normalität. Die Aufrechterhaltung des Kontrollwahns macht sie sich zum persönlichen Anliegen. Kohan führt die autoritären Denkmuster, Verdrängungsmechanismen, fadenscheinigen Legitimationstrategien und das absurde Handeln seiner Heldin vor, die mit allen Mitteln versucht, sich der obszönen Logik der Macht anzudienen.

Als die zwanzigjährige María Teresa wenige Wochen vor Beginn des Falklandkrieges die Stelle im Colegio antritt, rät ihr der Vorgesetzte Biasutto zu einer wohldosierten Mischung aus Aufmerksamkeit und Diskretion. Um die Überwachung der ihr anvertrauten Obertertianer so effizient wie möglich zu gestalten, müsse sie die Kunst des „Blicks, der nichts übersah und doch zugleich selbst ohne weiteres übersehen werden konnte“ beherrschen. Doch so sehr sich María Teresa müht, es genügt der forsche Gegen- oder Seitenblick eines Gymnasiasten, eine vermeintlich provokant entblößte Knabenwade bei der Sockenkontrolle, und ihre verbissen erkämpfte Souveränität fällt zusammen.

An die Grenze zur Karikatur geht Kohan bei der Darstellung dieses autoritären Charakters. So betrauert María Teresa den Verlust des von Regimeschergen ermordeten Vaters, bangt um den Bruder, dessen Kompanie in Richtung Front nachrückt, Zweifel an der Gültigkeit des inhumanen Wertesystems der Machthaber kommen ihr jedoch nicht. Dafür richtet sich ihre Kritik umso schärfer gegen die eigene Person, sobald sie bemerkt, dass sie sich während der Arbeit wieder einmal aus dem Konzept hat bringen lassen. Der blinde Pflichteifer des Funktionärs und die überspannte Affizierbarkeit des sexuell verdrucksten Backfisches geraten im Gemüt der Aufseherin permanent aneinander. Mit frostigem Einfühlungsvermögen widmet sich Kohan ihren abstrusen inneren Konflikten, leuchtet ihren Drang nach Selbst- und Fremdkontrolle bis in den banalsten Abgrund aus.

Als einer der Schüler bei María Teresa in Verdacht gerät, auf den Jungenklos zu rauchen, plant sie, ihn am Ort des Geschehens zu überführen. Nachdem anfängliche Schicklichkeitsbedenken überwunden sind, verharrt sie mit größter Selbstverständlichkeit während ganzer Arbeitstage in der Toilettenkabine. Obwohl sich der heimliche Raucher partout nicht erwischen lässt, überkommt Maria Teresa das bisher unbekannte Gefühl der idealen Pflichterfüllung. Im Schutz ihres Verstecks gelingt ihr die mustergültig-pervertierte Anwendung des Verfahrens, welches ihr vom angeschwärmten Vorgesetzten Biasutto empfohlen wurde, jene Taktik, nach welcher der Wächter ebenso verfährt wie der Denunziant und der Voyeur. Mit dem Blick, der alles sieht, ohne selbst gesehen zu werden, observiert sie die Pissoirs, stillt ihren Wissensdrang zu Fragen der männlichen Anatomie, verschafft sich halbbewusste sexuelle Befriedigung und bringt das Eigenleben ihrer Affekte mit ihrem Streben nach Ordnung und Autorität zur Deckung.

Bereits während der Herrschaft der Militärs, die sich 1976 an die Macht putschten, wurden in der argentinischen Literatur verschlüsselte Anklagen formuliert. Nach der Rückkehr zur Demokratie1983 kam es zur offenen Abrechnung mit den Junta-Henkern, die Zehntausende „verschwinden“ ließen. Auf distanziertere, aber intensive Weise setzt sich die jüngere argentinische Schriftstellergeneration mit der Diktatur auseinander. Wenn der Romancier, Essayist und Literaturwissenschaftler Martín Kohan diesen neuen Ton anschlägt, geschieht dies mit suggestiver Meisterschaft.

„Sittenlehre“ ist nicht sein erster Roman, in dem er sich der Perspektive des naiven Mitläufers bedient, um die Absurdität des Junta-Terrors zu fokussieren. Der Ich-Erzähler in Kohans zuvor erschienem Buch „Zweimal Juni“, ein junger Rekrut, begegnet den repressiven Methoden des Regimes mit einer ähnlichen Mischung aus Akzeptanz und vorauseilendem Gehorsam wie María Teresa. Obgleich sich beide Figuren im Lauf des Geschehens immer mehr kompromittieren, agieren sie jenseits einer strikten Opfer-Täter-Dichotomie. Im Fall der Aufseherin wird diese Uneindeutigkeit aufgelöst. Das Rädchen im Getriebe der Macht wird selbst zermahlen. Kohan überführt die befremdliche Komik María Teresas in groteske Tragik, weil sie zwar alles gesehen, aber nichts begriffen hat.

Martín Kohan: Sittenlehre. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 247 Seiten, 19,90 €.

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