"Situation Rooms" von Rimini Protokoll : Doku-Theater: Die Spur der Waffen

Doku-Theater: In ihrem Stück „Situation Rooms“ konfrontiert die Gruppe Rimini Protokoll das Publikum im HAU mit Biografien, die von Gewalt geprägt sind.

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Schießstand. Szene aus dem Multi-Player-Video-Stück "Situation Rooms".
Schießstand. Szene aus dem Multi-Player-Video-Stück "Situation Rooms".Foto: Ruhrtriennale/J. Baumann

Für seinen Job braucht der Mann feuerfeste Unterwäsche und Gottvertrauen. Es empfiehlt sich auch ein sichtbarer Aufnäher mit seiner Blutgruppe. Und natürlich das Wichtigste: die Kamera. Maurizio Gambarini ist Kriegsfotograf für die dpa, er schießt seine Bilder in Afghanistan, Pakistan, Mali. Im Irak geriet er mit einem Trupp Marines in einen Hinterhalt, dank der Splitterschutzweste kam er mit einem Rippenbruch davon. Gambarini sagt, dass er seine Aufnahmen von Tod und Leid nicht manipuliere: „Für meine Bilder muss die Wahrheit reichen.“

Ob das möglich ist, unverfälscht vom Krieg zu erzählen – und von den Waffen, mit denen er geführt wird –, ist die große Frage dieser Inszenierung. Für „Situation Rooms“ versammeln die Dokumentartheater-Spezialisten der Gruppe Rimini Protokoll 20 Menschen aus aller Welt, deren Biografien von Waffen geprägt sind. Vom Gebrauch, dem Handel – oder der Konfrontation mit ihren Wirkungen. Zehn dieser Protagonisten lernt man auf einem Parcours kennen, der sich ein „Multi-Player-Video-Stück“ nennt.

Mit iPad und Kopfhörern bewaffnet durchwandern je 20 Zuschauer ein Filmset mit mehreren Räumen und Etagen, das der Schweizer Künstler Dominic Huber („Hotel Savoy“) gebaut hat. Man folgt den Erzählungen auf dem Bildschirm, die im Sieben-Minuten-Takt wechseln. Wird navigiert durch Schießstände, Einsatzzentralen, Konferenzzimmer, Lazarette. Dabei kreuzen sich auch die Wege der wesensverschiedenen Waffen-Experten. Friedensaktivist trifft auf Sportschützen, Drogenhändler auf Rüstungsmanager. Es ist eben ein unübersichtliches Geschäft.

„Situation Rooms“ ist nach Hans-Werner Kroesingers „Exporting War“ die zweite Produktion, die im Rahmen des Themenschwerpunkts „Waffenlounge“ am HAU Premiere feiert. Rimini Protokoll waren damit in diesem Jahr zum Theatertreffen eingeladen – allemal verdient –, konnten die Inszenierung aus terminlichen Gründen aber nicht zeigen.

Bootsflüchtling, Drohnenopfer, Anwalt, Journalist

Das Stück ist allein in technischer Hinsicht eine große Leistung. Während man das iPad wie eine Kamera führt, überlagern sich die Bilder auf dem Screen mit den realen Räumen. Wo in den Videos von Chris Kondek die tatsächlichen Protagonisten in Hubers Set agieren, vom libyschen Bootsflüchtling über den pakistanischen Anwalt ziviler Drohnenopfer bis zum Journalisten aus dem Südsudan, trifft man auf dem Parcours an deren Stelle andere Zuschauer, mit denen man auch interagiert. Man schüttelt sich die Hände zum Auftakt eines Panzer-Deals. Hilft einander in den schusssicheren Mantel, den der französische Hersteller („Armani der Ballistik“) auf der Waffenmesse beworben hat. Markiert das Gegenüber mit einem farbigen Punkt, der im brüllend heißen afrikanischen Not-OP für die Schwere der Verletzung steht.

Das ist Mitmach- und Einfühlungstheater, keine Frage. Aber ein perfekt durchchoreografiertes, das jeden Besucher sein eigenes Stück erleben lässt. „Situation Rooms“ spielt schlüssig mit der Mehrfachbelichtung der Perspektiven und erzählt von einer Bilderproduktion, die eben keine letztgültige Wahrheit birgt.

Sicher, man hat gelegentlich Orientierungsmühe in diesem verzweigten Set. Was aber ebenso Intention ist wie das Fragmentarische der Geschichten. Die leben überwiegend von der nüchternen Selbstverständlichkeit, die der Umgang mit Waffen und somit Tod für die Erzählenden bedeutet. Wie im Falle des Schweizer Rüstungsmanagers, der von seinen Kunden aus dem mittleren Osten berichtet. Die legen „Wert auf das Äußerliche der Systeme und fassen auch die Lackierung gern mal an – wie bei ihren Sportwagen“.

Auf der anderen Seite hallt die Erzählung eines Chirurgen nach, der für Ärzte ohne Grenzen in Sierra Leone unterwegs war. Weniger brennen sich die Fotos von Menschen ein, die grausam mit der Machete verstümmelt wurden. Vielmehr verfolgt einen der Satz des Mediziners, dass er noch lange nach seiner Rückkehr nachts aufstehen musste, um sich zu vergewissern, „ob meine Kinder noch ihre Hände haben“.

Täglich bis 22.12., 27.-30.12., 2.-11.1.2015, begrenzte Kapazität, Anmeldung erforderlich, www.hebbel-am-ufer.de

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