Skandalfilm : Als die Berlinale vor dem Abbruch stand

Glamour, Stars und tolle Bilder: Daran haben wir uns gewöhnt. Doch das war nicht immer so. Vor 30 Jahren entging die Berlinale knapp dem Abbruch. Georg Alexander , damals Jury-Mitglied erinnert sich an den Skandal.

Georg Alexander
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Michael Ciminos „The Deer Hunter – Die durch die Hölle gehen“ lief 1979 außer Konkurrenz – und sorgte

Dieser Winter war besonders kalt. Vor dem Zoo-Palast, in dem die Wettbewerbsfilme liefen, türmte sich der Schnee. Und am vierten Tag gefror die Stimmung. An der Rezeption des Hotels, wo die Jury untergebracht war – Festivaldirektor Wolf Donner hatte mich als Filmkritiker und Leiter der WDR-III -Filmredaktion eingeladen – fand ich eine Nachricht von meiner Mit-Jurorin Julie Christie vor: „Please call me first thing in the morning.“ Es ging um „The Deer Hunter“, der im offiziellen Programm außerhalb des Wettbewerbs angekündigt war. Nach den Worten seines Regisseurs Michael Cimino ein Film „über die Rolle der Arbeiterklasse beider Seiten“ im Vietnam-Krieg. Ein Hollywood-Werk, das die Wunde am Körper und der Seele des amerikanischen Patienten zeigen wollte.

Kaum war der Vorhang des Zoo-Palasts gefallen, als der Chef der sowjetischen Delegation alle seine Filme zurückzog. Die Ostblockländer schlossen sich an. Und: Das ungarische und das tschechoslowakische Jury-Mitglied mussten nach Hause fahren. „The Deer Hunter“, so hieß es, beleidige das vietnamesische Volk und verstoße eklatant gegen das Prinzip der Völkerverständigung. Die drohende Konsequenz: Abbruch des Festivals – wegen Unterschreitung der Mindestzahl an Jury -Mitgliedern.

Die Jury war durchaus prominent besetzt. Um Julie Christie scharten sich die Fotografen, Sängerin Ingrid Caven und der Romancier Romain Gary sorgten für Aufmerksamkeit. Hinzu kamen aus der Regie-Riege die Italienerin Liliana Cavani, Vera Chytilova aus der Tschechoslowakei, der Ungar Pal Gabor, außerdem der schwedische Produzent Jörn Donner und US-Schauspieler Paul Bartel.

Was zunächst niemand in der Runde wusste: Der Festivalchef war gewarnt gewesen. Intern hatten die Sowjets vorab mit Boykott gedroht, für den Fall, dass Ciminos Film nicht aus dem Programm genommen würde. Das wollte und konnte Donner nicht. Nur: Wie sollte nun das Festival weitergehen?

Das ganze Jahrzehnt über war Vietnam global ein massives Reizthema gewesen. 1970 hatte US-Präsident Nixon eine „notwendige Ausweitung“ des Krieges verfügt. 1979, just zur Berlinale-Zeit, war China wegen angeblicher „Provokationen“ Hanois mit massiven Truppenverbänden ins Grenzgebiet einmarschiert. Daraufhin kündigte Moskau „Maßnahmen“ zum Schutz Vietnams an und beorderte mehrere Panzerdivisionen an die chinesische Grenze. Eine „Verhöhnung des heroischen Kampfes des vietnamesischen Volkes“ sollte sich da nicht einmal ein Filmfestival leisten dürfen.

Die Jury debattierte nächtens in Hotelzimmern. Die Meinungen gingen heftig auseinander – wie auch die öffentlichen Reaktionen bei der Festival-Aufführung. Vera Chytilova und Pal Gabor aber hatten keine Wahl – mit ihrem Abmarschbefehl bereits im Gepäck. Doch auch andere Juroren waren von Ciminos Film weniger überzeugt. Ging es hier um großes Kino oder um tendenziellen Rassismus? Hatte sich nicht auch D. W. Griffiths „Birth of a Nation“, eines der großen Werke der Filmgeschichte, zu Recht dem Vorwurf eines eigentlich unerträglichen Rassismus stellen müssen? Paul Bartel stellte sich hinter Cimino. Die eminent politisch denkende Julie Christie, keineswegs eine Glamour -Queen, wandte sich vehement gegen die vermeintlich untragbare Botschaft des Films, dessen deutscher Titel reißerisch lautete: „Die durch die Hölle gehen“. Ich selber neigte dazu, ihr Recht zu geben. Noch ein oder zwei Abgänge – und die Jury wäre nicht mehr funktionsfähig gewesen.

Wolf Donner beschwor die Dissidenten, das Festival nicht gegen den Baum zu fahren. Julie Christie wollte wissen, wie die kubanische Delegation die Sache sah. Nun, sie sah sie im Wesentlichen wie die Sowjets: Solidarität mit Vietnam. Aber bei unserem Frühstückstreffen im Hotel am Zoo wiesen die Filmfunktionäre von der Zuckerinsel auch geschickt darauf hin, dass man als britische Schauspielerin oder deutscher Kritiker nicht gleich ein ganzes Filmfestival dem eigenen politischen Gewissen opfern müsse. Und damit hatten sie zweifellos Recht.

Julie Christie gab in der Folge eine persönliche Erklärung ab, in der es hieß: „Ich bin der Ansicht, dass ein Film, der die Bevölkerung eines kleinen Landes, das einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen eine riesige Invasionsmacht geführt hat, als fremdartigen, untermenschlichen Mob porträtiert, genau die Sorte von Rassismus ermutigt, die den Krieg überhaupt erst ermöglicht hat. Ich glaube nicht, dass man eine ganze Nation als Sadisten darstellen kann, um dann zu behaupten, dies sei nur um des dramatischen Effekts willen geschehen.“

Auch die Jury, die nun zu siebt weiterarbeitete, gab eine Erklärung ab (in der es um die Meinungsfreiheit ging). Der Senat gab eine Erklärung ab. Die Kubaner und die Algerier gaben eine Erklärung ab. Die „Cineasten der Dritten Welt“ gaben eine Erklärung ab. Es blieb kalt. Aber die Berlinale lebte. Wenige Wochen später wurde „The Deer Hunter“ mit fünf Oscars ausgezeichnet. Unter anderem als bester Film.

Georg Alexander, Jahrgang 1942, bis 1980 Chef der WDR-Filmredaktion, leitete zuletzt beim ZDF die Spielfilmabteilung.

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