So kann’s gehen : Darf ich helfen?

Elisabeth Binder

Der Bruder meines Lebensgefährten hat mich um finanzielle Hilfe in einer überschaubaren Notsituation gebeten. Die beiden sprechen wegen eines, wie ich finde, überflüssigen Streits nicht mehr miteinander. Ich würde dem Bruder gern helfen, es würde mir selber auch nichts ausmachen, habe aber ein bisschen Angst, dass mein Lebensgefährte am Ende doch davon erfährt und sauer ist.

Das ist tatsächlich eine schwierige Situation. Ihr Freund erwartet natürlich, dass Sie sich ihm gegenüber loyal verhalten, in Streitigkeiten also unbedingt zu ihm halten. Das kann man ja auch verstehen. Insofern wäre es ein kontraproduktives Opfer, wenn Sie seinem Bruder helfen würden, da Sie mit Ihrer Hilfe wahrscheinlich den Zorn Ihres Lebensgefährten auf sich ziehen. Es wäre also einfach, die Bitte zu überhören, schon um des lieben Friedens willen. Einerseits. Andererseits ist es ein gutes Zeichen, dass der Bruder Ihnen trotz des Streits zu vertrauen scheint. Vielleicht geht das Vertrauen so weit, dass Sie eine Vermittlerrolle übernehmen könnten, so dass es irgendwann zur Versöhnung kommt. Außerdem glaube ich, dass man mehr noch als Freunden und Lebensgefährten seinem eigenen Gewissen verpflichtet ist.

Die Menschen neigen dazu, Streitigkeiten aus dem Wege zu gehen, aber das ist nicht unbedingt richtig. Sicher, ich würde dem Bruder auch lieber heimlich helfen, statt es an die große Glocke zu hängen. Aber rechnen Sie damit, dass es rauskommt, und bereiten Sie sich darauf vor, Ihrem Partner ruhig zu erklären, warum Sie den Streit für überflüssig halten und warum Sie es richtig fanden, in einer Notsituation zu helfen. Wer weiß, vielleicht folgt der ersten Erregung ja eine Phase des Grübelns, die letztlich den Weg frei macht zur Versöhnung zwischen den beiden. In dem Fall würde sich Ihre gute Tat sogar verdoppeln und der materiellen eine vielleicht noch wertvollere immaterielle Gabe hinzufügen.

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