Kultur : So klingt Clara

ALBRECHT DÜMLING

Barenboim, Jonathan Gilad und das Chicago Symphony OrchestraVON ALBRECHT DÜMLINGDie Frage nach dem Deutschen in der Musik war einmal eine brennende Frage.Aus diesem Themenschwerpunkt erklärt sich die Konzentration der diesjährigen Festtage auf Zentralwerke des deutschen Repertoires.Im Unterschied zu Karajan oder Abbado war für Wilhelm Furtwängler eine solche Frage noch aktuell.Auch Daniel Barenboim, der sich auf dieses Vorbild beruft, zeigt eine besondere Vorliebe für "urdeutsche" Werke.Ohne Schwierigkeiten konnte er deshalb für Zubin Mehta einspringen und dessen Gegenüberstellung Schumann-Bruckner übernehmen. Die Poesie von Robert Schumanns Klavierkonzert steckt vor allem in dem auf Clara bezogenen Hauptmotiv.Noch vor dem Klavier darf die Oboe diese Namensformel anspielen.Der Oboist des Chicago Symphony Orchestra tat dies mit einem sprechenden Ausdruck, der vom Pianisten Jonathan Gilad kaum noch zu übertreffen war.Dies war auch nicht die Absicht des 17jährigen Franzosen.Er begann sein Solo vielmehr als ein weiches Echo.Seine Rolle als zurückhaltender Traumpartner des Orchesters wurde noch deutlicher beim verinnerlichten As-Dur-Espressivo, das der stürmischen Tuttidurchführung vorangeht.Mit wunderbar singender Oberstimme verkörperte das Klavier die Clara-Gestalt, das Orchester dagegen den feurigen Florestan.Die sich abwechselnden Staccato-Gänge im Intermezzo erklangen tastender als gewöhnlich, bis sich aus dem launischen Versteckspiel im Finale um so entschiedener das Clara-Motiv herausschälte.Jetzt erst waren beide Seiten, Klavier und Orchester, gleichberechtigt, Mann und Frau, Farbe, Rhythmus und Linie zugleich.Jonathan Gilad und die Gäste aus Chicago bewiesen mit dieser einleuchtenden Interpretation, daß deutsche Romantik keineswegs - wie in der NS-Zeit behauptet - nur von Deutschen adäquat wiedergegeben werden kann. Die tiefe Verehrung für Richard Wagner prägte Bruckners 7.Symphonie.Das Orgelhafte früherer Werke ist hier genuin orchestralen Steigerungspartien und der "unendlichen Melodie" gewichen.Daniel Barenboim, der zum Großformat und der Steigerungsanlage Brucknerscher Symphonien schon bei früherer Gelegenheit eine Affinität bewies, ließ zu Beginn die aus dem Nichts beginnenden Celli kräftig anschwellen.Während er das Orchester in der Durchführung fast unsichtbar leitete, wählte er für den pompösen Satzschluß wieder die große, imperiale Geste.Eindringliches Zentrum seiner Interpretation war das riesenhafte Adagio, das er ganz aus dem Melodischen entwickelte und in großem Bogen über den zentralen Beckenschlag zur Klage der Tuben auf Wagners Tod hinleitete.Als Klangkörper der Spitzenklasse reagierte das Orchester auf die Zeichen seines Chefdirigenten ebenso wach wie auf die durchsichtige Akustik der Philharmonie.

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