Kultur : So war das also

UWE FRIEDRICH

Die erste Kleinfamilie der Menschheit erreicht einen erstaunlichen Lärmpegel.Wenn Dirigent Karl Anton Rickenbacher mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin richtig aufdreht, muß Chawa (Eva) ganz schön schreien, damit ihr mißratener Sohn Kajin (Kain) sie versteht.Im Religionsunterricht haben wir die Geschichte ohnehin ganz anders gelernt, mit viel weniger Sex.Chawa wird in Rudi Stephans einziger Oper "Die ersten Menschen" zur jugendstilhaften femme fatale.Von Adahm fordert sie immer wieder das Eine, während er ihrer überdrüssig geworden ist.Der mißratene Sohn Kajin möchte gerne aushelfen, doch davor schreckt Chawa zurück.Etwas später zeigt sie sich dem anderen Sohn Chabel gegenüber weit weniger spröde.Sie wird dann behaupten, im Dunkeln nicht genau erkannt zu haben, mit wem sie ihr Liebesduett singt.Kajin ist jedenfalls so eifersüchtig, daß er seinen Bruder kurzerhand erschlägt, um danach in die Welt zu ziehen und sein Glück beim "wilden, wilden Weib" zu suchen.Adahm und Chawa versöhnen sich daraufhin in C-Dur.

Für diese durchaus eigenwillige Sicht auf den ersten großen Familienkrach der Geschichte verlangt Rudi Stephan zwar nur vier Solisten, dafür aber ein riesiges Orchester.Stephan löst die starren Tonartenbezüge auf, ohne die Hörgewohnheiten seines Publikums überzustrapazieren.Dabei entwickelt er eine geschmeidige Melodik, unterstützt von ineinander verschachtelten Leitmotiven.Seine Instrumentierung ist effektvoll, farbenreich und gelegentlich verblüffend, erreicht aber nie die flirrend erotische Qualität seines Zeitgenossen Franz Schreker.Überhaupt ist "Ökonomie der Mittel" eine ihm völlig unbekannte Tugend.

Bei allem Lob für die Ausgrabung ist jedoch zu fragen, ob Stephan mit dieser Aufführung ein Gefallen getan wurde.Das Orchester geht zwar unter Karl Anton Rickenbacher bis in die Extreme mit, doch drei der vier Solisten bleiben auf der Strecke.Einzig Siegmund Nimsgern als Adahm strahlt genügend Souveränität für die Rolle aus.Gabriele Maria Ronge kehrt als Chawa zu sehr die Hysterikerin heraus, Hans Aschenbach hat seine Stimme in jahrelanger Wagnerfrohn offenbar so ramponiert, daß ihm niemand mehr den zärtlichen Liebhaber der Mutter abnimmt, und Florian Cernys Kajin fehlt jede dämonische Dimension.Ob die Musik außer der reinen Lautstärke noch andere Qualitäten entwickeln kann, etwa im Duett Chawa / Chabel, bleibt weitgehend der Phantasie des Zuhörers überlassen.

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