Sol Gabetta und die Berliner Staatskapelle : Aggressiv und unendlich empfindsam

Pablo Heras-Casado dirigiert die Berliner Staatskapelle - und Sol Gabetta brilliert in Schostakowitschs Cellokonzert.

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Sol Gabetta
Sol GabettaFoto: Marco Borggreve

Ein spektakulärer Abend, dieses Konzert der Staatskapelle, auch wenn man beim Zurückdenken einige „trotz“- und „obwohl“-Wörter einfügen muss: Trotz der wirklich traurigen Akustik im Konzerthaus, durch die sich der kostbare Klang des Orchesters nur ungenügend übermittelt. Und obwohl die Staatskapelle auf die dramaturgisch zweifelhafte Idee gekommen ist, nach der Pause Strawinskys „Feuervogel“ in der Originalfassung zu spielen. Dem Stück fehlt an diesem Abend die Tanzcompagnie und die erzählte Geschichte. Anders gesagt: Es ist eine sehr lange, sehr virtuos instrumentierte und rhythmisch intrikate Musik zu hören – in der Spannungsbögen immer wieder zerbrochen werden, die eigenwillig mit dem Faktor „Zeit“ umgeht und die Geduld im ausverkauften Haus zwar nicht strapaziert, aber doch in Anspruch nimmt.

Letztlich bleiben das aber nichtige Einwände. Denn gerade am „Feuervogel“ zeigt sich auch die schlagtechnische Brillanz des jungen Pablo Heras-Casado am Pult – wenn die Sache mit fast unhörbar tiefen Kontrabass- Schleifen anhebt, wenn schon in den ersten Minuten rhythmisch schiefe Ebenen ineinandermontiert werden, wenn es gilt, diese Musik jenseits des Gekräusels von Anspannung und Abspannung in Gang zu halten. Ganz ähnlich greifen die Hebel auch bei Schostakowitschs erstem Cellokonzert ineinander: Denn auch wenn man Sol Gabetta aufgrund der Akustik eher spielen sieht als hört, ihr also vor allem dabei zuschaut, wie der Komponist sie durch die Cello-Partie treibt, durch das selbstsichere Monogramm d–es–c–h gleich anfangs, den grau verhangenen, kantablen zweiten Satz oder die wahnwitzige Kadenz: So spürt man doch die tiefe Konzentration, die von Gabettas Spiel ausgeht, ihre technische Souveränität, ihre Begabung für eine Kompositionsart, die beides zugleich ist, aggressiv und unendlich empfindsam.

Muss man eigens hinzufügen, dass auch Haydns „Feuersinfonie“ Freude macht? So fein und empfindlich reagiert das Orchester auf Heras-Casados Dirigat, dass man vom Zuhören selbst ganz empfindsam wird. Mit der Staatskapelle zu musizieren, fühlt sich wahrscheinlich an, wie auf einem Bösendorfer-Klavier zu spielen – gerade beim Haydn hat man für Sekunden den Eindruck, nicht der Dirigent spiele auf dem Orchester, sondern das Orchester spiele mit ihm.

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