Kultur : Solist in einem Linienballett

Elfi Kreis

"Eine Zeichnung ergibt sich aus einer vorhandenen, befragt bereits die nächste, noch bevor sie gemacht ist. Sie ist nichts Endgültiges, keine Sackgasse ohne Wendemöglichkeit, sondern ein Stück des Weges, vielleicht so etwas wie eine präzise Frage, eine vorübergehende Antwort, ein Schwebezustand." Auch für ihre jüngste Werkreihe hat Nanne Meyers Aussage nichts an Aktualität verloren. Unter dem Titel "Quer zur Faser" stellt Barbara Wien 48 Zeichnungen aus ihrem gleichnamigen Zyklus von 2001 / 02 vor (620 und 1200 Euro). Stets "erforscht" Meyer ihr Medium spielerisch und das Erfinden von Bildern kommt dabei zunächst von Finden: Die Berliner Künstlerin, die seit 1994 Professorin an der Kunsthochschule in Weißensee ist, arbeitet mit Fundstücken. Diesmal beflügelte "Das kannst auch Du!" ihre Fantasie, ein DDR-Buch von 1964 mit praktischen Ratschlägen für den unverdrossenen Freizeithandwerker.

Ein winziger Schnipsel genügt Meyer als Ansatzpunkt für den virtuosen Linienfluss: technische Tabellen, Konstruktions- oder Schemazeichnungen. Was sie dann aber aus den kaum mehr als briefmarkengroßen Bildausschnitten entwickelt, beeindruckt durch eine Vielfalt, die stets das Einfache und Markante im Blickwinkel behält. Alles und jedes kann sich auf ihrem Papier verwandeln. Pinsel werden zu Nadeln, die in einer schrägen, kunstvoll aufgetürmten Hochfrisur stecken. Daraus ergießen sich haarfeine Linien wie ein Wasserfall. Sie finden beim Nachbarblatt im Faltenwurf der Rückenpatie eines ausladend gefüllten Kimonos ihre Entsprechung. Meyer überrascht mit Wellenformationen und verflochtenen Liniensystemen, die den Einsatz von Schablonen und Kurvenlinealen vermuten lassen, ihren Ursprung aber dem freihand geführten Verlauf von Bleistift und orangem Farbstift verdanken. Linien, deren Delikatesse verrät, das jedes Ding in seiner überraschenden Metamorphose einen willkommenen Vorwand zum lustvollen Ausleben der Zeichenkunst liefert.

Den vergilbten Bildvorlagen mit ihrem Druck in Schwarz und signalkräftigem Orange entlockt Meyer eine Assoziationskette an neuen Deutungsmustern: fantastische Figuren, Räume und Szenerien, die zugleich futuristisch wirken und den Sechzigern entsprungen sein könnten. Meyer schickt den Betrachter auf Entdeckungsreise zu entlegenen Themenfeldern. Darunter finden sich visuelle Kurzgeschichten wie die vom schwimmenden Polstersessel. Als Solisten eines eigenwilligen Balletts treten die Figuren auf: ein mit Foto und Fliegerbrille ausstaffierter Touristenbuddha oder eine Gestalt mit Riesenhalskrause und einer Art Sprühapperatur wie zur Insekten-Vernichtung auf dem Rücken. Mit vergnüglichem Aberwitz zelebriert Meyer bei Einsatz sparsamer Mittel das zeichnerische Möglichkeitsspektrum. Daraus resultiert ein weitgespannter Bilder- und Gedankenbogen: humorvoll, intelligent und mit System bürstet sie das starre Schema der Anleitungen gegen den Strich.

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