Kultur : Sommergäste

Triumph des RIAS-Chors beim Festival in La Roque

Sabine Heimgärtner

Eine halbe Stunde vor Beginn des abendlichen Hauptkonzertes rumpelt der rote Traktor die dicht von Platanen gesäumte Schlossparkallee in La Roque d’Anthéron hinunter in Richtung Freiluftbühne, auf der Ladefläche den Konzertflügel des Abends. Die ersten Gäste sind dann im Park von Florans bereits eingetroffen. Frauen in Abendkleidern, Champagnergläser in der Hand, wandeln mit ihren Herren in der Abenddämmerung. In der ersten Pause werden sich viele von ihnen – Szenen wie aus Tschechows „Sommergästen“ – niederlassen und ein Picknick veranstalten. Pünktlich um 21 Uhr erstrahlt im Scheinwerferlicht der „Tempel des Pianos“, eine Art offene Version des Opernhauses von Sydney, weiß gefächert und asymmetrisch, umgeben von einem Wassergraben. Im Halbrund davor nehmen bis zu 2300 Zuschauer Platz.

Im vergangenen Jahr brach das Festival alle Rekorde: Über 80000 Besucher, was nicht zuletzt daran lag, dass die anderen wichtigen Festspiele der Region, darunter Avignon, Aix-en-Provence und Orange, wegen eines Streiks der Bühnenarbeiter ausfielen. La Roque aber arbeitet ausschließlich mit freiwilligen Helfern aus allen Teilen Europas. Seit seiner Gründung 1980 hat sich hier wenig geändert. Neue Spielstätten sind hinzugekommen, darunter die Abtei von Silvacane. Dort, im schlichten Ambiente der 1140 gegründeten Zisterzienser-Klosterkirche, wurden gerade der RIAS-Kammerchor und sein Dirigent Daniel Reuss euphorisch gefeiert. Ein weiterer Höhepunkt war das Schumann/Prokofieff-Programm der georgischen Interpretin Elisso Virsaladze, die buchstäblich in ihren Flügel hineinkriecht, sich schlangenhaft über die Tastatur windet, um dann wieder aufzutauchen. Die Stars der Anfangszeit, darunter Swjatoslaw Richter, Martha Argerich, Andras Schiff, Kristian Zimerman und Vladimir Ashkenazy schauen auch heute noch vorbei und bilden mit den jungen Künstlern ein fruchtbares Nebeneinander der Generationen. In improvisiert aufgestellten Zelten werden sogar Meisterklassen durchgeführt.

Unter den angehenden Sternen am Klavierhimmel waren in diesem Jahr der Chinese Yundi Li und die 16 Jahre alte französische Pianistin Lise de la Salle, die mit Liszt, Rachmaninow und Ravel auch in Deutschland bereits bekannt ist. Zum Konzept des künstlerischen Leiters René Martin gehören auch mindestens fünf „Lange Nächte“.

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