Sommerhits (7) : Im Wohnzimmer des Lebens

Ob alte Schlager im Autoradio oder scharfe Rhythmen am Strand: Sommerhits gehören zum Urlaub wie die Sonnenbrille. In den Ferien erzählen wir von der besten Musik für die heiße Jahreszeit.

Grillen zirpen, Sternschnuppen glühen. Unseren Autor interessiert das nicht die Bohne.
Grillen zirpen, Sternschnuppen verglühen. Unseren Autor interessiert das nicht die Bohne.

Es gab eine Zeit, da zog ich mit einer kleinen Rumpelkapelle an den Wochenenden durch die Lande. Für ein bisschen Benzingeld, für einen Schlafplatz und veganes Essen spielten wir überall dort, wo bei drei die Tür nicht zu war. Einmal strandeten wir in Frankfurt-Fechenheim. Den ganzen Tag hatte es geregnet. Doch nach unserem verkorksten Auftritt riss die Wolkendecke auf und gab den Blick auf einen mit Sternen behangenen Nachthimmel frei. Alle gängigen Klischees hatten sich zum großen Stelldichein verabredet. Grillen zirpten. Sternschnuppen glühten. Und die betörenden Gerüche von Sommerregen und Blütenduft mischten sich zu einer lieblichen Duftkomposition.

All das interessierte mich nicht die Bohne. Ich stand in einem Wohnzimmer, das zum Konzertsaal umfunktioniert war, und lauschte einer Berliner Band namens Dropout Patrol. Das reduzierte Schlagzeug streichelte sanft über die Becken, die Gitarren umspielten sich, mal vertrackt, mal verhallt. Dann stimmte Sängerin Jana Sotzko den Song „Whalers“ an. Er erzählt aus dem Leben eines Walfängers. Über den Kampf mit dem Unbeherrschbaren, die Rätselhaftigkeit des Daseins und das unausweichliche Scheitern. In den Vorhängen verfingen sich die ätherischen Mollklänge der Band. Die Welt da draußen ging es ohnehin nichts an – eine selbst verordnete Gruppentherapie im Zigarettenrauch und den Ausdünstungen der Konzertbesucher. „The fishing line is pulling you under, that’s the strangest thing“, diagnostizierte Jana Sotzko. Nicht nur Kapitän Ahab dürfte ihr zustimmen.

Da stand ich nun, frisch verknallt, und musste mir anhören, wie schmerzhaft zwischenmenschliche Beziehungen sich gestalten können. Aber Schwermut ist eben nicht nur schwer – sondern bedarf auch des Mutes. Nicht wegzulaufen vor den Unverfrorenheiten des Lebens. Mit aller Bescheidenheit ein Bekenntnis abzulegen zur eigenen Zerbrechlichkeit. Der glatt polierten Oberflächlichkeit des Klimbims und Lalalas ins Gesicht zu spucken. Melancholie ist ohnehin die ehrlichere Euphorie, Moll das schönere Dur und der Herbst der bessere Sommer.

Ein Jahr später. Islandurlaub in einem klapprigen VW-Bus. Die Gangschaltung defekt. Zwangsweise entschleunigt. Das Verknalltsein war längst in eine Beziehung gemündet. An manchen Tagen bedeutete das auch Streit, Enttäuschung, Zweifel. Und doch stimmten wir abends, auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht, leise in „Whalers“ ein und hielten gemeinsam die Wehmut aus. Im Land der Walfänger konnte es aber auch keine bessere klangliche Untermalung für die vorbeiziehenden Weiten geben.

Noch immer wabert das Lied von der B-Seite des Albums „Sunny Hill“ durch die Räume der gemeinsamen Wohnung. Ironischerweise schlägt dabei der Regen gegen die Scheibe. Vielleicht sind diese Zeilen ein Requiem für Dropout Patrol. Schon länger haben sie keine Konzerte mehr gespielt. Ein Abgesang auf den verlogenen Sommer, der doch nie hielt, was er versprach, ist es allemal.

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