Sommerkultur : Vereinende Musik

Im Sommer feierten die Brandenburgischen Sommerkonzerte zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung Premiere, führten Ost und West zusammen.

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Leuchtend gelbe Rapsfelder fliegen vorbei, Storchennester, roter Klatschmohn auf Wiesenböschungen, weiter geht es durch schattige Alleen. Schließlich landet man an langen Tafeln vor alten Backsteinkirchen. Man isst selbstgebackenen Streuselkuchen in wiesenduftender Sommerluft, trinkt Kaffee, der aus geblümten Kannen eingeschenkt wird. Für viele Kultur begeisterte Berliner waren die Brandenburgischen Sommerkonzerte die erste Gelegenheit, das Umland in netter Gesellschaft und mit anspruchsvollem Musikprogramm zu erleben. Die „Klassiker auf Landpartie“ prägten Bilder ländlicher Sommerfreuden im zusammen wachsenden Land. In diesem Jahr feiern sie 20jähriges Jubiläum.
Die Landpartien waren unter der Regie ihres Gründers Werner Martin von Anfang an Rundum-Erlebnisse. Der Fahrt durch die märkische Landschaft folgten Stadt- und Kirchführungen, an den Kaffeetafeln Begegnungen und Gespräche, anschließend ein stimmungsvolles Konzert in einer alten Dorfkirche, danach noch ein Glas oder zwei und dann die Rückfahrt unterm Sternenhimmel, während über den Feldern der Bodennebel aufstieg wie in einem Gedicht. Landschafts- und Kulturerlebnis als Gesamtkunstwerk. Und nebenbei lernt man sich kennen, die Menschen aus Stadt und Land, aus Ost und West.
Die Urzelle dieser Sommeridylle muss man an einem eisig kalten Wintertag Anfang 1990 suchen. Die Mauer war gerade weg, aber das Land noch nicht wiedervereinigt. Alles war offen, alles schien möglich. Werner Martin, ein Pfarrerssohn aus Genthin, seit 1969 in West-Berlin als Anwalt tätig, machte mit seinen zehn besten Freunden einen Ausflug nach Brandenburg zu jenem Dom, von dem aus Berlin einst zum Christentum bekehrt wurde. Mit dabei waren der Solo-Trompeter des Deutschen Symphonie-Orchesters, Joachim Pliquett, und der Busunternehmer Gerhard Stamm.
Im Rahmen eines kleinen Konzerts erprobte man die Akustik des Doms, trank anschließend noch in einer nahe gelegenen Kneipe einen Klosterbruder-Schnaps aus der Gegend. Werner Martin erinnerte sich plötzlich voller Sehnsucht an die sommerlichen Radtouren seiner Kindheit, an die Sonnenuntergänge an den brandenburgischen Seen, an die Lieder jener Zeit. „Wir hatten das Gefühl, wir müssen was tun.“
Dieser Tag war die Initialzündung für ein einzigartiges privat finanziertes Musikfestival, das einen beachtlichen Beitrag zum kulturellen Zusammenwachsen der Region leistete. Nicht lange danach waren 800 neue Freunde gefunden, die in regionalen Kreisen ehrenamtlich bei der Organisation der Konzerte halfen. Eine kleine Geschäftsstelle wurde in Berlin von Martins Ehefrau Karin geleitet, die Erfahrungen im Dienstleistungsbereich hatte. Anfangs waren allerdings vor allem Improvisationstalent, Gelassenheit und Humor gefordert, wenn mal wieder keine Steckdose für die mitgebrachten Kaffeemaschinen gefunden werden konnten. Aber die persönliche Atmosphäre, in der dieses Festival wuchs, passte ideal in die Zeit. Die Freunde der ersten Stunde waren auch weiterhin beteiligt. In den grün-gelben Bussen von Gerhard Stamm erkundeten die Konzertbesucher das ihnen bislang unbekannte Terrain der Mark, an den Tafeln kam man in duftender Sommerluft leicht ins Gespräch miteinander. Joachim Pliquett wurde künstlerischer Leiter des Festivals und trat auch selber häufig auf.
Immer wieder lobten brandenburgische Spitzenpolitiker das Festival vor allem auch im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Verknüpfungen, die es zwischen Brandenburg und Berlin geschaffen hat. Sponsoren übernahmen einen Teil der Kosten, immer wieder gab es Benefiz-Aktionen für baufällige Kirchen und restaurierungsbedürftige Orgeln.
Irgendwann wurde das Festival erwachsen. Den Sommern des Zusammenwachsens, in denen Werner Martin, persönlich Freunde und Gäste begrüßte und an jedem Wochenende kerzengerade in der ersten Reihe saß, folgte eine Phase der Modernisierung und Verjüngung, in der neben der Klassik auch andere Musikrichtungen immer stärker zum Zuge kamen. Nachdem sich der Erfinder 2004 aus dem operativen Geschäft zurückzogen hatte, ging es zunächst nicht ohne Holpern weiter. Inzwischen ist das Festival aber wieder in ruhigen Gewässern. Hochkarätige Konzerte, Stadtführungen und Kaffeetafeln gehören nach wie vor zu den festen Bestandteilen. Die Atmosphäre ist vielleicht etwas unpersönlicher geworden, was mancher auch begrüßen mag. Im Jahr 20 nach der Wiedervereinigung hat sich vieles geändert.
Inzwischen sind es keine Abenteuertouren mehr, der Aufbau Ost hat die Wege geglättet und den Verfall in Städten und Dörfern gestoppt. Aber die Landschaft ist so schön wie eh und je, und es gibt immer noch viel zu entdecken. Seit dem ersten Sommer 1990 sammelten sich die Fans der Sommerkonzerte an 200 verschiedenen Spielstätten. In jeder Saison kommen neue hinzu.

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