Sommernächte (12): Mücken : Myg? Tigermyg!

Lang ersehnt, erträumt, erdichtet und erinnerungsträchtig: Sommernächte sind die schönste Auszeit des Jahres. In den Ferien erzählen wir an dieser Stelle davon. Diesmal:  die Mücke.

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Blutsaugerin: eine Mücke (Nematocera).
Blutsaugerin: eine Mücke (Nematocera).Foto: dpa

Die Königin der Nacht ist acht bis 15 Millimeter lang und heißt Nematocera. Sie singt: Tzzzt, tzzzt, tzzzt.

Der Himmel über Møn wirkt an diesem Abend wie eine Hinterglasmalerei. Ein samtblaues Breitwandpanorama, nur am Horizont zeigt sich ein rotglühender Streifen. Der Mond hängt träge und tief über der Erde. Das Ferienhaus liegt, wie im Internet versprochen, ziemlich einsam ziemlich direkt am Meer. Auf der Terrasse hört man die Wellen rauschen, zum Wasser sind es zwei- oder dreihundert Meter. Und abends, wenn die wenigen anderen Urlauber und Einheimischen ihre Badelaken zusammengefaltet und ihre Surfbretter auf den Dachgepäckträgern festschnallt haben, gehört uns der Strand ganz alleine. Glauben wir jedenfalls.

Die Viecher stechen sogar durch Badehosen und T-Shirts

Wir brauchen keine Handtücher, wir wollen bloß barfuß am Meer entlang, in den Sonnenuntergang hinein. Der Weg führt durch die Dünen, an Nadelbäumchen vorbei durch Gräser und Sträucher. Von hier bei Ulvshale, dem sichelförmigen Küstenörtchen beim Städtchen Stege, soll der feinkörnige Strandsand von Møns Klint stammen. Am Fuß dieses Kreidefelsens, einer dänischen Hauptattraktion, lassen sich prähistorische Versteinerungen finden, 60 Millionen Jahre alte Schwämme oder Donnerkeile.

Erst ist ein sirrendes Geräusch zu hören, dann folgt der stechende Schmerz. Mücken. Sie greifen im Schwarm an, sie sind deutlich in der Überzahl. Wir wedeln mit den Händen, schlagen um uns, tanzen ungelenk zu einer seltsamen Choreografie. Aber die Viecher stechen sogar durch Badehosen und T-Shirts. Dass wir uns am Nachmittag mit dem dänischen Mückenschutz „Insektsbeskyttelse“ eingesprüht haben, der gegen „Myg“, „Tigermyg“ und „Bidende Fluer“ – Beißfliegen – immunisieren soll, ist den Tieren egal.

„We held the day / They ruled the night“: Was Billy Joel über den Vietnamkrieg sang, gilt auch für die Auseinandersetzung Mensch gegen Moskito. Es ist ein Partisanenkampf, den die überlegene Macht nicht gewinnen kann. Denn die Mücke – Königin der Nacht – attackiert mit dem verzweifelten Mut eines Vietcong. Sie bekämpft den Menschen bis aufs Blut. Da hilft nur noch eins: Rückzug ins Ferienhaus, bye-bye Sonnenuntergang.

Die Skandinavier verzichten bei der Mücken-Prophylaxe auf Chemie. Ist das Gutmenschentum, den Umweltschutz auch auf die allerkleinsten Lebewesen anzuwenden, die blutsaugerischen? In Italien werden nachts ganze Campingplätze mit Insektiziden eingegast. Und an den Stränden sollen Flugzeuge eingesetzt werden, die wohl so aussehen wie der Doppeldecker, vor dem Cary Grant in Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ davonrennen muss. Dabei werden die Mücken den Menschen wahrscheinlich überleben. Die älteste bisher bekannte Stechmücke ist 79 Millionen Jahre alt. Sie wurde in einem Bernsteinfossil gefunden.

Weitere Texte der Serie: Draußenschlafen (10.7.), Die Nachtigall (13.7.), Sommerdüfte (16.7.), Weckerklingeln (20.7.), Marseille (24.7.), Hoteltipps (27.7.), Seenot (30.7.), Wintersehnsucht (2.8.), Glühwürmchen (7.8.), Dunkelheit (10.8.), Fähren (14.8.), Lebensfries (24.8.)

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