Sommerserie (8): Reisefieber : Am Abgrund

Aufregung, Angst, Abenteuer: Reisen ist der individuelle Ausnahmezustand. An dieser Stelle erzählen wir in den Sommerwochen davon – mit erhöhter Temperatur.

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Ade, schöne Welt! Mit Höhenangst am Abgrund.
Ade, schöne Welt! Mit Höhenangst am Abgrund.Foto: dpa

Es geschah auf Madeira, jener Insel im Atlantik, die gerade so schrecklich von Waldbränden heimgesucht wird. Damals lockte das sonnige Eiland mit Geschichte und jeder Menge Wanderpisten. Die Erkenntnis, dass Wandern nicht zwingend öde ist, sondern Spaß machen, ja pure Erholung sein kann, war gerade erst gereift, da kamen die berühmten Levadas gerade recht.

Die künstlichen Wege stammen größtenteils aus dem 16. Jahrhundert, angelegt von afrikanischen und arabischen Sklaven für die Bewässerung des auf Madeira angebauten Zuckerrohrs. Schon immer drohten auf Madeira Dürreperioden: Also wurde das kostbare Wasser aus den regenreicheren Gebieten im Norden und im Zentrum in schmalen, bis zu 900 Meter hoch gelegenen Kanälen zu den Anbaugebieten im Süden geleitet.

Mittlerweile dienen die Furten als Wanderwege. Sie führten uns in paradiesische Wälder, in düstere Tunnel, in denen der Wanderer ohne Taschenlampe verloren ist, oder in schwindelnder Höhe an der Steilküste entlang. Dort passierte es. Der Reiseführer hatte gewarnt, die Route sei verdammt hoch, teils 500 Meter direktüber der Küste gelegen. Uns schreckte das nicht – bis zu dem Moment, in dem ich unvermittelt in die Tiefe schaute: Plötzlich schwankte die Welt. Panik kam auf, schon beim nächsten Schritt fürchtete ich, den zentimeterschmalen Rand der Rinne zu verpassen und in den Abgrund zu stürzen.

Die Rettung: ein Medley aus Kindheitsliedern

Höhenangst. Kommt sie erst einmal auf – und sei es nur der Höhenschwindel –, wird es tatsächlich gefährlich. Der Körper beginnt zu schaukeln, Hitze steigt auf, der Puls rast. Und schon ging es weder vor noch zurück, mitten an der Felswand. Unter mir kreischten die Möwen, noch tiefer kräuselten sich die Wellen. Ade, schöne Welt! Am Ende half nur, sich in die Rinne zu kauern und auf Knien langsam voranzukriechen, den Blick stur nach vorn gerichtet.

Und ich begann zu singen, zur Beruhigung der Nerven, wie das klassische Pfeifen im Wald. Kirchenlieder, Karnevalslieder, Wanderlieder, Lagerfeuerlieder, Schlaflieder, Weihnachtslieder, ein Medley meiner Kindheit – bis ich wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte. Später halfen therapeutische Maßnahmen wie Besuche im Kletterwald, wo man in 15 Metern Höhe frei schwebend von Baum zu Baum hangelt. Nur die 500 Meter ohne Sicherheitsleine – die würde ich niemals wiederholen.

Bisher in der Serie erschienen sind: Träge Tropen, Gelbes Leuchten, Schwarze Sonne, Schwarm und Schock, Vater weg, Kloß im Hals, Grüezi Wohl!

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