Kultur : Somnambule Stolpertänze

Oper Zürich: Beat Furrers „invocation“, uraufgeführt von Christoph Marthaler

Alfred Schlienger

Vielleicht ist es der Urmythos der Kunst, des Lebens, der Menschheit überhaupt: die Verschmelzung von Liebe und Tod. Marguerite Duras fasst ihn 1957 in ihren kleinen Roman „Moderato cantabile“ und schildert darin gleichzeitig einen Ausbruchsversuch aus einer erstarrten bürgerlichen Welt.

Wie jede Woche begleitet die Fabrikantengattin Anne ihren Sohn in die Klavierstunde. In die endlosen Repetitionen von Diabellis Sonatine „Moderato cantabile“ fällt ein alles durchdringender Schrei aus dem nahen Arbeiter-Bistro: Ein Mann hat seine Geliebte getötet, offenbar auf ihr Verlangen hin. Er wirft sich über die Tote, „ . . . man sah seine Augen. Jeder Ausdruck war aus ihnen gewichen, außer – zerschmettert, unzerstörbar, weltentrückt – dem seiner Leidenschaft.“

Anne gerät in den Sog dieses Verbrechens, täglich geht sie von nun an in das Bistro, versucht den Vorfall zu ergründen, verliebt sich in einen unbekannten Zeugen der Tat. Entleert von ihrem „moderaten“ Leben, beginnen die Grenzen zwischen dem fremden und dem eigenen Schicksal zu zerfließen. Im Kontakt zu dem arbeitslosen Fremden scheint sich die Beziehung der Toten zu ihrem Mörder wiederholen zu wollen. Doch der soziale Abstand ist zu groß, die Angst vor dem verschlingenden Eros zu stark, es bleibt bei einem in Gedanken vollzogenen Ehebruch. Peter Brook hat den Roman bereits im Jahre 1960 verfilmt, mit Jeanne Moreau und Jean-Paul Belmondo in den Hauptrollen. In Zürich wird er nun zur Oper, als Auftragswerk des Opernhauses an den in Wien lebenden Schweizer Komponisten Beat Furrer und in Koproduktion mit dem Zürcher Schauspielhaus, inszeniert von Noch-Chef Christoph Marthaler persönlich.

Die Bühne von Bettina Meyer ist ein Endlos-Steg in der ganzen Länge der großen Schiffbauhalle. Und wenn die beiden Menschenkinder, die zueinander nicht kommen können, ihre so intimen wie brüchigen Dialogfetzen austauschen, dann sitzen sie in größtmöglicher Entfernung am je äußersten Ende dieses Steges auf sterilen weißen Bänken. Einsamkeit, Verzweiflung, Verlorenheit in jeder Geste, jedem Blick. Olivia Grigolli und Robert Hunger-Bühler gestalten ihre hilflosen Annäherungsversuche zu einem hoffnungslosen Stolpertanz am Abgrund.

Dort unten sitzt das Orchester „Opera Nova“, eingekleidet wie das Bistro-Servicepersonal, und spendet unter der Leitung des Komponisten kaum wirklichen Trost. Es fällt den Sprechenden ins Wort, so bruchstückhaft wie das Gesprochene selbst, atemlos, gehetzt, fiebrig. Eher Geräusch als Klang. Die Partitur und das Libretto erzählen nicht die Geschichte, sie verdichten mehr die Atmosphäre in immer neuen Schichten. Beat Furrer hat den Part der Anne verdreifacht, im gleichen beigen Regenmantel, mit der gleichen wasserstoffblonden Perücke wie Olivia Grigolli kommen auch die Sopranistin Alexandra von der Weth und die Flötistin Maria Goldschmidt daher und lassen, ohne dabei ins plump Parodistische abzudriften, einen Hauch von ikonenhafter Monroe-Verlorenheit durch die Halle wehen (Kostüme Annabelle Witt). Sopranistin und Flötistin treten in einen hinreißend virtuosen Klangdialog gehauchter, explodierender, zerfetzter Ton- und Wortsplitter.

Säuseln, Sirren, Schnauben, Stottern

Eine weitere Ebene eröffnet Furrer durch den Einbezug von Texten, die die Überhöhung ins Mythische unterstreichen. Ein spanisches Gedicht aus dem 16. Jahrhundert und ein chorisches Lied von Cesare Pavese treiben die Unbedingtheit der Liebe über jeden Tod hinaus. Und den unendlich selbstvergessenen, ergreifenden Schlussakzent setzt Alexandra von der Weth mit den Verschmelzungsversen des spanischen Mystikers Juan de la Cruz: „Ich habe von meinem Geliebten getrunken...“ Den dramaturgischen Höhepunkt aber bildet das zweitletzte Bild, wo das bewegliche und nach allen Seiten offene Haus der Fama, der Göttin des Gerüchts aus Ovids „Metamorphosen“, zum Ort des rituellen Festes wird. Hier hebt der Chor zum orphischen Hymnus auf den trinkfreudigen Gott Dionysos an, zu jener Anrufung (Invocation), der die Oper ihren Namen verdankt. Das orgiastische Verschlingen und – im Roman – Erbrechen des Opfer-Salms wird zur symbolischen Entäußerung Annes gegenüber ihrer gesellschaftlichen Herkunft.

Eine Hauptrolle spielt aber auch der hervorragend geführte Chor, das Vokalensemble Zürich, unter der Leitung von Peter Siegwart. Was hier den Sängerinnen und Sängern abverlangt wird an nuancenreichen Klängen und hochkomplexen Rachen- und Gaumenlauten, einschließlich Säuseln, Sirren, Zischen, Zirpen, Schnauben, Hauchen, Stottern, raubt auch dem Zuhörer den Atem. In seinen pastellfarbenen Kostümen und mit den gedrechselten Frisuren wirkt der Chor wie eine Referenz an die fünfziger Jahre, in denen Marguerite Duras Roman entstanden ist. „Moderato bedeutet gemäßigt und cantabile bedeutet singend, das ist leicht“, erklärt dort Anne nach der Klavierstunde ihrem eher lustlosen Söhnchen. „Du könntest dir das ein für allemal merken.“

Christoph Marthaler (Ko-Regie Annette Kuss) hat es sich nicht leicht gemacht. Seine Inszenierung verzichtet auf alles Auftrumpfende und stellt sich ganz in den Dienst der Verdichtung des Atmosphärischen. Sitzen, stehen, gehen, straucheln. Sonst kaum eine Aktion. Einmal zerschmettert Robert Hunger-Bühler eine Geige. Im Ganzen aber mehr Implosion als Explosion. Wie in der Partitur von Beat Furrer, die nur wenige, dafür aber sehr heftige Ausbrüche aufweist.

Ein besonders sinniges, unaufdringliches Bild: Hin und wieder führen die Choristen ihre Stimmgabeln an die Nase. Ja, diese Stimmung kann man auch riechen! Dem Musikalischen den Vortritt zu lassen, wo Worte nur noch wenig ausrichten könnten, das allerdings ist Christoph Marthaler noch nie schwer gefallen. Schade nur, dass das alles – durch seinen freiwilligen und vorzeitigen Rücktritt von seiner Zürcher Intendanz – in einem Jahr schon wieder vorbei sein soll.

Wieder am 10. und 12. Juli. – Weitere Informationen unter www.opernhaus.ch

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