Sonderreihe : Die Legenden sind unter uns

„Happy Birthday, Studio Babelsberg“: Am 12. Februar wird die Filmfabrik vor den Toren Berlins 100 Jahre alt, ein guter Anlass, die hellen und die düsteren Momente ihrer Filmgeschichte Revue passieren zu lassen. Das Festival ehrt Babelsberg mit einer SONDERREIHE.

Sabine Schicketanz
Hildegard Knef in „Die Mörder sind unter uns“. Foto: Progress
Hildegard Knef in „Die Mörder sind unter uns“. Foto: Progress

Die alten Bretter liegen noch. Abgetretene Dielen, dunkel vom Gang der Jahrzehnte. Sie liegen, wo sie das Heute nicht stören und keine Kamera auf bügelglattem Fußboden fährt. Relikte einer anderen Zeit. Damals, vor mehr als 80 Jahren, liefen vielleicht Marlene Dietrich, Fritz Lang, Emil Jannings darüber. Sie blieben, weil die Vergangenheit, der Anfang der Filmkunst in Deutschland, in Babelsberg alle und alles umspannt. Der Mythos, der vier Gesellschaftssysteme und zwei deutsche Diktaturen überstand, er ist unzerstörbar, trotz Brüchen und Rissen – man kann sogar über ihn laufen. In den Gängen der heutigen Marlene-Dietrich- Halle, erbaut 1926 für Fritz Langs „Metropolis“, dem Zentrum des ältesten Großatelier-Filmstudios der Welt.

Vor 100 Jahren fiel die erste Klappe in Babelsberg. Am 12. Februar 1912 begannen die Dreharbeiten für „Der Totentanz“ mit Asta Nielsen, ein erster Weltstar des Kinos. Das Glashaus, in dem die Dänin vor der Kamera stand, in brütender Hitze der Bogenlampen, hatte die Deutsche Bioscop errichten lassen. Guido Seeber, technischer Leiter und Kameramann, hatte das kahle Gelände um die aus Backstein erbaute ehemalige Kunstblumenfabrik entdeckt. Zuvor hatte die Bioscop in Berlin ihre Filme produziert, in kleinen Ateliers über den Dächern der Stadt, wo das Tageslicht die Szenerien ausleuchtete. Doch die Feuerschutzpolizei wollte das Treiben mit dem Zelluloid, das sich leicht entzündete, aus der Großstadt verbannen. Und in Babelsberg war mehr Licht.

Katrin Saß in „Das Haus am Fluss“ (1986). Foto: Progress
Katrin Saß in „Das Haus am Fluss“ (1986). Foto: Progress

Zwischen damals und jetzt liegen mehrere tausend Filme. Stumm und mit Ton, Filmkunst, Propaganda, Massenunterhaltung, erst braun, dann rot, politisch, systemkritisch. Selten hat sich deutsche Geschichte so sehr an einem Ort kristallisiert. Mit ihm verwoben ist das Leben und Wirken derer, dank denen Babelsberg trotz düsterster Epochen noch immer große Strahlkraft entwickeln kann.

Gut 20 Jahre genügten, die Legende des deutschen Hollywood zu begründen. Mit der UFA, der 1917 gegründeten Universum Film AG, die Babelsberg 1921 übernimmt, wächst sie unter den Händen des Filmproduzenten Erich Pommer heran. Pommer importiert den Filmexpressionismus, produziert in Babelsberg in einzigartigen Kulissen „Die Nibelungen“ (1924) und in 310 Tagen und 60 Nächten „Metropolis“ (1926), den bis dahin teuersten deutschen Film – der zunächst allerdings ein Flop bleibt. Vier Jahre später macht Pommer mit „Der blaue Engel“ (1930) Marlene Dietrich zur Ikone und weltberühmt. Zuvor erfinden Friedrich Wilhelm Murnau und sein Kameramann Karl Freund im Studio die „entfesselte Kamera“, die sich auf Rollen oder an Seilen frei am Set bewegt, erstmals in „Der letzte Mann“ (1924). Auch der erste deutsche Tonfilm entsteht hier, im Tonkreuz mit seinen vier in alle Himmelsrichtungen weisenden Studios. Der Dreh von „Melodie des Herzens“ (1929) läuft schon, da lässt die UFA im Wettstreit mit Übersee-Hollywood den Ton dazuschalten.

Das Fundament aus Filmkunst, Starkult und Glamour ist gelegt, das nie vollständig einbrach. Als Volker Schlöndorff 1992 mit französischen Investoren über das Gelände fährt, ist der Mythos des Anfangs jedenfalls immer noch da. Die Compagnie Générale des Eaux, später Vivendi Universal, übernimmt Babelsberg von der Treuhand, investiert in zwölf Jahren nahezu eine halbe Milliarde Euro. Schlöndorff wird Studiochef, fünf Jahre versucht er die Wiederbelebung. Doch die Legende ist schwer belastet.

1933 wird Babelsberg staatliche Filmschmiede des NS-Regimes. Propagandaminister Joseph Goebbels lässt „kriegswichtige“ Unterhaltungsfilme drehen, „Münchhausen“, die „Feuerzangenbowle“, und 1939 das antisemitisch vergiftete Melodram „Jud Süß“, das mehr als 20 Millionen Menschen sehen. Farbfilm und Trümmer, bis in die letzten Kriegstage funktioniert die Maschinerie. Da hat Wolfgang Staudte das Drehbuch für „Die Mörder sind unter uns“ (1946), den ersten Nachkriegsfilm, schon geschrieben. Noch vor Gründung der Defa, der deutsch-sowjetischen Aktiengesellschaft Deutsche Film, am 17. Mai 1946 beginnen die Dreharbeiten mit der noch unbekannten Hildegard Knef. Der Film begründet die antifaschistische Defa-Tradition.

Henry Hübchen und Katharina Thalbach in „Sonnenallee“ (1999). Der Festakt zum Jubiläum mit Matthias Platzeck steigt Sonntag um 11 Uhr im Studio Babelsberg. Foto: Berlinale
Henry Hübchen und Katharina Thalbach in „Sonnenallee“ (1999). Der Festakt zum Jubiläum mit Matthias Platzeck steigt Sonntag um 11...

1240 Filme für Kino und Fernsehen ließ die DDR in 44 Jahren hier drehen, viele setzen sich mit dem Nationalsozialismus auseinander. Der bekannteste, „Jakob der Lügner“, wird 1976 für den Oscar nominiert. Bald arbeiten 2400 Menschen in 180 Berufen im volkseigenen Betrieb, 40 von ihnen Regisseure. Wieder gibt es beides, mit umgekehrtem Vorzeichen: Propaganda und Unterhaltung. Doch im Staatsbetrieb gedeiht auch ostdeutscher Kinokult. Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), Konrad Wolfs „Solo Sunny“ (1980), das monumentale „Goya“ (1969). Allzu reale Gegenwart bleibt unerwünscht. Bis Anfang der Achtziger zensiert die SED, 1965 lässt sie nahezu einen ganzen Jahrgang verschwinden. „Kaninchenfilme“ hießen die zwölf Werke, denn unter den verbotenen Filmen war auch „Das Kaninchen bin ich“ von Kurt Maetzig. Dabei hatte der heute 101-jährige Regisseur die Defa mitbegründet.

Der Bruch, der mit der Zeitenwende 1990 einherging, ist dramatisch. Der Staatsbetrieb verschwand, Schlöndorff und die Franzosen kamen. Aus 2400 Beschäftigten werden erst 240, dann 90. Bis heute gibt es Empfindsamkeiten im Umgang mit dem DDR-Filmerbe, dem Lebenswerk von Generationen. Als Schlöndorff vor vier Jahren erklärt, er finde die Defa-Filme „furchtbar“, ist die Kritik harsch, Schlöndorff entschuldigt sich für seine „maßlos übertriebene“ Äußerung.

Der Weg in die Gegenwart wird unter anderem mit Roman Polanskis „Der Pianist“ eingeschlagen, gedreht vor zehn Jahren. Ein Meilenstein: Drei Oscars gewinnt das Holocaust-Drama, katapultiert Babelsberg wieder auf die Filmbühne. Seitdem fliegt Hollywood seine Stars ein, Stefan Rutzowitzkys „Die Fälscher“ erhält 2007 den Auslands-Oscar, Kate Winslet 2008 den Oscar für „Der Vorleser“. Die Unternehmer, die Babelsberg 2004 für einen symbolischen Preis gekauft und dann an die Börse gebracht haben, expandieren.

Doch auch das wiederbelebte Babelsberg hängt am Tropf. Ohne Staatsgeld ist kein Kino zu machen. Die jetzigen Betreiber wären gezwungen, mehr auf Fernsehen als auf Filmkunst zu setzen. Alte Bretter halten einiges aus.

Cinemaxx 8, International, Haus der Festspiele, Filmmuseum Potsdam

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