Kultur : Sonntagsjäger

Carl Spitzweg als Reisender im Münchner Haus der Kunst

Bernhard Schulz

In Berlin schätzt man Carl Spitzweg spätestens, seit dessen Ikone „Der arme Poet“ 1989 aus der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum gestohlen wurde. Die kleinformatigen Gemälde des geradezu sprichwörtlichen Biedermeierkünstlers finden Liebhaber überall. Schwerer tun sich die Museen, wo der Künstler Spitzweg innerhalb des Parcours’ der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts stets in die undankbare Rolle eines schrulligen Kleinmeisters gedrängt wird. Nicht so in München, der Heimatstadt Carl Spitzwegs. Hier bemüht sich Siegfried Wichmann seit Jahrzehnten, den verkannten Idylliker zur Höhe eines verschlüsselten Zeit- und Gesellschaftskritikers zu erheben.

Knapp 18 Jahre nach der letzten umfänglichen Spitzweg-Retrospektive hat Wichmann wiederum im Haus der Kunst eine Übersicht mit gut 200 Werken eingerichtet, diesmal unter dem doppelten Titel „Reisen und Wandern in Europaund der Glückliche Winkel“. Nun weiß das Publikum seit 1985, dass Carl Spitzweg dem Spießbürger den Spiegel vorgehalten hat, verpackt in gutmütigen Humor. Was als Sonntagsjäger oder Schmetterlingsfänger daherkommt, ist der Kleinbürger par excellence, dessen halbherzige Eskapaden sich auf den freien Tag der Woche beschränken.

Über diesen Kenntnisstand hinaus erbringt die neuerliche Ausstellung wenig. Indem sie die – erstaunlich umfangreichen – Reisen des Malers verfolgt und ihnen die entsprechenden Gemälde seines enorm reichen Oeuvres zuordnet, erschließen sich topographische Eigenheiten der Bilder. Fast wird Spitzweg so zu einem heimlichen Chronisten der europäischen Erstarrung der Metternich-Ära, die er in den bekannten Ansichten schläfriger Soldaten auf sanft verfallenden Grenzfestungen einfängt. Doch allem subversiven Impetus zum Trotz bleibt Spitzweg in dieser durch chronologische Feingliederung etwas ermüdend präsentierten Münchner Auswahl derjenige, den das Publikum so liebt: der Maler verzeihlicher Bürgerschrullen, die eben am Gang (oder auch Nicht-Gang) der Zeiten kein Jota ändern. Bernhard Schulz

München, Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, bis 18. Mai 2003. Der Katalog kostet 34,80 Euro.

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