Kultur : Soul mit System: Blumfeld

Zu den erstaunlichsten Kulturphänomenen des ausgehenden Jahrhunderts gehört die Rückkehr des Melodiegesangs.Töne werden nicht mehr aus der Kehle gepreßt, sondern von ganz tief unten aus dem Bauch nach oben geholt: Plötzlich klingt der Pop wieder weich und zuckrig wie ein Marshmellow.Jochen Distelmeyer steht beim Auftritt mit seiner Band Blumfeld immer wieder mit geschlossenen Augen auf der Bühne der Kalkscheune, so als wolle er für einen Augenblick in sich hineinhorchen.In der rechten Hand hält er sein Mikrophon, in der linken das aufgerollte Kabel."In mir / tausend Tränen tief / erklingt ein altes Lied / es könnte viel bedeuten." Tatsächlich: Distelmeyer croont.Er tremoliert und scattet, zerlutscht die Silben und haucht ein sanftes "Pada Pada Pa".Zwischendurch, wenn er seine Gitarre stimmt, witzelt er mit dem Publikum: "Jawohl, wir haben innerhalb von zehn Jahren drei Langspielplatten veröffentlicht." "Totgesagt / und nicht gestorben / geistern wir / durch neue Formen." Die Münchener Freiheit zitieren Blumfeld, die früheren Diskursrocker, inzwischen genauso ironiefrei wie The Clash.Aus Schlager wird Soul, Kitsch ist erlaubt."Immer wieder: Liebeslieder." Am Ende, nachdem sie schnell noch ihre alten Hits weggerockt haben, spielen sie "Solitary Brother" von George Michael und "Jump" von Van Halen als schwelgende Synthiepop-Sinfonien.Spätestens jetzt ist der Moment erreicht, in dem man eine Gänsehaut kriegt.Tolle Band, großartiger Sänger."Zärtlichkeit braucht Zeit / Musik für eine andere Wirklichkeit."

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