Kultur : Soulfood hinter Stendal

Gunda Bartels ist gerührt von der Bücherliebe der Bahn

Sind die süß bei der Bahn! In einer Zeit, in der das papierlose Büro landauf, landab längst Wirklichkeit geworden ist, in der der Cyberspace regiert, in der Gedrucktes nur noch von romantischen Naturschwärmern gekauft wird, die nicht wissen, womit sie sonst die feuchten Wanderstiefel ausstopfen sollen, kommt das Unternehmen Zukunft mit dieser Nachricht: Ende August gibt’s kostenlose Reclam-Hefte. 350 000 Stück! Als Zeitvertreib auf der durch Hochwasserschäden verlangsamten Strecke zwischen Berlin und Hannover. Allerdings nur in der ersten Klasse, was eine ausgesprochen feinfühlige Maßnahme ist.

Da starren doch sonst nur einsame Einreiher auf ihre Laptops und spüren verängstigt die Löcher, die ihnen der Börsenkurs und der mal wieder anstehende Kauf der Schwarze Mamba genannten Bahncard 100 ins Finanzportfolio brennt. Nichts legt sich da – fern von Gott und fern von Mutti – im Nirgendwo zwischen Stendal und Rathenow besser wie ein Pflaster auf die wunde Seele als ein Gedicht vom Rainer Maria Rilke. Reclam-Bände des Dichters wurden jedenfalls vor zwei Jahren verteilt, als die Bahn bei Bauarbeiten am Ost-West-Korridor erstmals aufgeregte Gemüter mit schöner Literatur besänftigte.

Überhaupt ist es beruhigend zu wissen, dass sich der Deutsche in schweren Stunden auf die Bücherliebe verantwortungsvoller Großunternehmen verlassen kann. Auch die Wehrmacht hatte es sich nicht nehmen lassen, dem interessierten Landser Lektüre aus der 100 Bände umfassenden Reclam-Feldbibliothek in den Tornister zu packen. Damit der Soldat an der Front in Mußestunden nicht auf Goethe oder Kant verzichten musste.

Ob die beiden Dichter und Denker Ende August im ICE verteilt werden, ist in den sommerlich gelichteten Pressestellen noch nicht zu erfahren. Das werde noch verhandelt, heißt es bei Reclam. „Klassiker und moderne Romanautoren“, vermutet ein Herr bei der Bahn, seine Kollegin tippt auf Schiller und Heinz Erhardt. 2011 jedenfalls war starker Stoff dabei: Heinrich von Kleists Vergewaltigungsdrama „Marquise von O.“, E.T.A. Hoffmanns Serienmördernovelle „Das Fräulein von Scuderi“ und Theodor Fontanes Liebesroman „Irrungen und Wirrungen“. Ein Titel, der auch schön zum Kursbuch der Bahn passt. Das allerdings wird seit 2009 nicht mehr gedruckt.

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