Sound und Trend : Leg deine Lauscher in die Muschel

Welt am Draht: Ob Hipster, Rapper oder Fußballer – der voluminöse Monster-Kopfhörer ist das angesagte Accessoire der Saison

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Bumm Bumm.
Bumm Bumm.Foto: BREUEL-BILD/Juri Reetz

Möp, möp, möp, möp quäkt das Abfahrtssignal der U-Bahn. Für einen Takt mischt es sich in den Song „No Church in the Wild“ von Kanye West und Jay-Z. Passt super, fast wie ein Sample-Effekt. Ein paar Lieder später bewegt sich eine junge Frau beim Aussteigen synchron zum Beat. Und die Türen spielen auch mit: Sie schließen genau auf der Eins.

Eine ganze normale Fahrt im Berliner Untergrund – als Musikvideo mit Überlänge. Noch vier andere Passagiere erleben gerade unter Kopfhörern ihre ganz eigenen, einmaligen Versionen. Sie alle haben ein Stück ihrer privaten Welt mit in die große weite Welt gebracht. Manchmal schwingt das toll zusammen, manchmal kracht es hart aufeinander.

Aus dem städtischen Straßenbild sind Kopfhörer nicht mehr wegzudenken. Das mobile Musikhören hat sich flächendeckend durchgesetzt. War der Walkman in den Achtzigern noch ein Jugendphänomen, sind mittlerweile alle Altersklassen mit ihren Lieblingsliedern unterwegs. Diese Entwicklung wurde vor allem dadurch begünstigt, dass immer mehr Mobiltelefone in der Lage waren, Musik abzuspielen und einfach zu bedienende, kleine MP3-Player auf den Markt kamen. Zu Beginn dieser Ära – Mitte der nuller Jahre – war es Apple gelungen, seine weißen iPod- Kopfhörer zu einem Kultobjekt zu machen. Wer mit ihnen verkabelt war, konnte sich als moderner Metropolenmensch fühlen, als Mitglied in einem coolen Club.

Inzwischen sind die weißen Kabel überall und überhaupt nicht mehr cool. Trotzdem haben sich Kopfhörer nach und nach zu echten Statussymbolen entwickelt, mit denen man seine Zugehörigkeit zur Hipster-Gemeinde demonstrieren kann. Diesen Distinktionsgewinn erzielt man natürlich nicht mit serienmäßig mitgelieferten Stöpseln. Da müssen schon untertellergroße Monster-Kopfhörer her. Ohrumschließend, kopfeinrahmend senden sie nach innen tollen Hi-Fi-Klang und nach außen die Botschaft: Musik-Freak bei der Arbeit, bitte nicht stören.

Die dicken Muschelkopfhörer haben sich neben dem Stoffbeutel und der riesigen Hornbrille als Erkennungszeichen einer urbanen Jugendkultur etabliert, die im DJ eine verehrte Leitfigur gefunden hat, der man sich mit großem Bügel über dem Kopf ein bisschen näher fühlen kann. Dass so ein leicht schräges, nerdhaftes Erscheinungsbild gepflegt wird, ist durchaus gewollt. Die Hörer werden sogar über Mützen und Kappen getragen – von der Masse der Normalo-Lauscher hebt man sich damit garantiert ab.

Natürlich gibt es auch rationale Argumente für die großen Modelle. So sind die Klang- und Noise-Canceling-Eigenschaften bei ihnen in der Regel besser als bei den herkömmlichen Stöpseln. Da die Musik meist in komprimierten Formaten wie MP3 gehört wird, ist es sinnvoll, wenigstens einen guten Kopfhörer zu benutzen, um die Soundqualität nicht noch weiter zu verschlechtern.

Die Auswahl an schicken, dicken Kopfhörern ist geradezu atemberaubend. Es gibt sie in allen erdenklichen Farben, mit aufgedruckten Mustern, Tierchen, Serienlogos oder Bandnamen, im Retro- Look oder im kühlen Science-Fiction- Design. Der Kopfhörer wird mehr und mehr zum Modeaccessoire. Optik ist mindestens genauso wichtig wie Sound. Deshalb werden sie auch nicht im Rucksack verstaut, wenn gerade keine Musik läuft, sondern den ganzen Tag lässig um den Hals getragen. Wie ein Collier – und oft sind sie fast genauso teuer. Das zeigt man natürlich gern her, denn für ein wertvolles Smartphone kann man unterwegs kaum Bewunderung einheimsen. Es wird ja in der Hosen- oder Jackentasche getragen.

Kopfhörer sind eine Wachstumsbranche. Die Verkaufszahlen stiegen in den USA zwischen 2009 und 2010 um 30 Prozent an. In Deutschland erzielten kabelgebundene Kopfhörer im ersten Halbjahr 2011 ein Umsatzplus von etwa 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Rund vier Millionen Euro wurden dieses Jahr schon mit Kopfhörern umgesetzt, wobei der Löwenanteil an die Muschelkopfhörern ging.

Dass hier viel Geld zu machen ist, hat auch US-HipHop-Eminenz Dr. Dre schon lange erkannt. Seit drei Jahren bringt er zusammen mit der Elektronikfirma Monster seine eigenen Designkopfhörer-Reihen auf den Markt. Die klobigen Modelle kosten bis zu 500 Euro. Für den Superstar von Welt gehört eine eigene Kopfhörer-Linie mittlerweile genauso zur Grundausstattung wie eine eigen Schuhlinie für Top-Fußballspieler. Es gibt Modelle von Justin Bieber, Jay-Z, 50 Cent, Ludacris und Snoop Dogg. Star- Produzent und DJ David Guetta veranstaltete vor zwei Tagen in Berlin eine Promi-Sause zur Präsentation seines persönlichen Modells.

P. Diddy und Lady Gaga haben ebenfalls Headphone-Linien – allerdings handelt es sich um weniger auffällige In-Ear- Hörer, was eigentlich nicht ganz zu diesen exaltierten Stars passen mag. Vielleicht sind es die Vorboten einer kommenden bescheideneren Kopfhörermode. Doch vorerst heißt es noch: Big is beautiful. Das sieht man auch an modebewussten Fußballern wie Cristiano Ronaldo oder David Beckham, die teure Muschelkopfhörer benutzen und an Basketballstars wie LeBron James, die Werbeverträge mit Kopfhörerfirmen haben.

Ein relativ neues Phänomen sind die sogenannten Silent Discos, bei denen das Publikum die Musik über funkgesteuerte Kopfhörer empfängt. Das sieht von außen zwar ein bisschen komisch aus, könnte aber angesichts der zunehmenden Lärmklagen-Probleme für betroffene Clubs ein Ausweg sein: Nach außen dringt höchstens der eine oder andere mitgegröhlte Refrain.

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