Kultur : "Space Cowboys": Ein Aufstieg alter Männer

Jan Schulz-Ojala

Was ist das Alter? Es ist mal müde, mal angriffslustig; mal stolz und laut, mal leise und weise. Es hat vielleicht so viele Gesichter, wie es alte Menschen gibt. Und es gibt niemals Ruhe, denn es lässt sich nicht auf den Punkt bringen. Mein Gott, und da dachten wir, wenigstens im Alter rundet es sich irgendwie, dieses zackige, eckige Leben.

Satte 260 Jahre bringen sie auf die Bühne, die vier, die zusammen den Film "Space Cowboys" gemacht haben. Sitzen da vorn im Spielsaal des Casinos am Lido, jener Zeitmaschine unter pompösen Mussolini-Lüstern, die die Festivalorganisation für die täglichen Pressekonferenzen umgerüstet hat. Einmarschiert waren sie unter Ovationen der internationalen Presse: Clint Eastwood (70), James Garner (72), Donald Sutherland (65) und, Benjamin im Senioren-Quartett, Tommy Lee Jones (53). Eastwood bekommt am Abend einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Aufgeregt? "Ich bin doch mittendrin, nicht am Ende", sagt er, und es klingt ein bisschen matt. Als habe er den Satz schon manchmal sagen müssen. Donald Sutherland gibt sich eher amüsiert - wird aber streng bei der Frage nach der Mitschuld der Unterhaltungsindustrie an der wachsenden Brutalität in Amerika: "Sollen sie doch erst mal die Waffengesetze ändern!" Tommy Lee Jones setzt aufs Raue: "Also hier am Tisch sitzt meines Wissens niemand, der sich noch beweisen muss." James Garner schweigt am liebsten, und dann: "Wissen Sie, junge Frau, als junger Mann wusste ich ja so viel. Inzwischen weiß ich immer weniger." Das ist das Alter: Man redet durcheinander, und plötzlich fällt ein großer Satz.

"Space Cowboys", seit vier Wochen in Amerika ein schöner Erfolg und ab heute in den italienischen Kinos (Deutschlandstart 14. September), ist ein "netter" Film, sagen die meisten Filmkritiker. Wenn Kritiker einen Film "nett" finden, dann heißt das, dass es über ihn nichts zu sagen gibt. Aber muss man zu jedem Film etwas sagen? Kann man nicht einfach mal genießen, jeder für sich, und dann, sogar als Kritiker, beschwingt nach Hause gehen? Kann man. "Space Cowboys" ist ein sehr, sehr mildes Alterswerk, sagen andere. Stimmt genauso. Es fängt sehr lustig an und hört dann doch ein bisschen zu traurig auf, verletzt also die Erwartungen eines heiter gestimmten Publikums. Aber wer will das schon hören: dass Eastwood die Geschichte vielleicht doch zu seicht wurde und er noch schnell einen tragischen Helden brauchte? High Noon on the Moon?

Egal. Wenn sich vier alte Männer, Ex-Air-Force-Piloten, ins All schießen lassen, weil nur sie einen russischen Uralt-Satelliten reparieren können, der auf die Erde zu stürzen droht, dann ist das ein Feelgood-Movie für die ganze Familie. Die Jungen können über die Alten lachen, die da, dick und schlapp geworden, kurzsichtig und kurzatmig, von der Nasa fit gemacht werden für ihren Einsatz im Weltraum. Und die Alten können über die Jungen lachen, die ohne Computer kein Space Shuttle mehr landen können. Also gut, nicht gerade laut lachen, "Space Cowboys" ist eher ein Schmunzelfilm. Er erzählt davon, wie das Alter der Jugend ein Schnippchen schlägt. Und das funktioniert nur, weil der Informationsvorsprung in einer Rückständigkeit besteht: Die Alten haben sich eingekapselt in Geschichte.

Patience statt Pokémon

Der Film sagt: Warum immer Pokémon - wir könnten doch stattdessen mal eine Patience legen? Wer wo wie alt aussieht, ist sowieso eine Frage der Situation. "Space Cowboys" selbst, sieht man mal von den Gesichtern ab, sieht übrigens keine Sekunde lang alt aus. Der Film ist erstens durchaus spannend, zumindest in seiner zweiten Hälfte, und zweitens kino-optisch absolut auf dem Stand der Technik - oder: State of the Art, wie die Hollywood-Cowboys sagen.

Dann wieder gibt es Gegenden auf der Welt, von denen einer wie Eastwood, der am Mittwochabend fast zerstreut vor Rührung seinen Ehren-Löwen aus der Hand von Sharon Stone erhält, himmelweit entfernt ist. Auf Festivals, das ist das Schöne an ihnen, liegen sie gleich nebenan. In Indien zum Beispiel musst du nur einen Zehn-Rupien-Gettoblaster rauschen lassen: Was da wie von einem anderen Planeten tönt, ist allenfalls die Kurzwelle aus Delhi. In Indien gibt es auch die Ärmsten der Armen, die nach der Armenspeisung einfach nach Amerika aufbrechen, zu Fuß und ohne Gepäck. Soll da nicht hinter Kalkutta der Zug warten, der Zug übers Meer?

Buddhaheb Dasguptas Film "Uttara" spielt fast nur unter freiem Himmel, jenem Himmel, in dem andere ihre verrotteten, raketenbestückten Satelliten kreiseln lassen. Zwei Bahnwärter an eingleisiger Linie, zwei Freunde irgendwo in Bengalen und am Ende der Welt, die sich die Tage mit Ringkämpfen vertreiben. Der eine heiratet, weil das Leben es so verlangt, und es gibt Ärger. Das Außer-Atem-Sein beim Ringkampf muss sich gegen eine andere Atemlosigkeit behaupten: gegen das Halsherzklopfen, wenn Mann und Frau in der Bettkammer stehen. Dieser Durst danach und davor. Da wirft jemand einen archaischen Blick auf die Liebe - oder genauer: Es ist eher ein Wegblenden und Hören, atemberaubend und fein.

Leider nur bleibt Bengalen, so klar und schön und poetisch der 54-jährige Regisseur seine Heimat ins Bild setzt, "outer space", wenn man bedenkt, welche Botschaften uns aus dem kinematografischen Welt-Raum überhaupt erreichen. Etwas näher liegt da Sizilien. Wenn wir ehrlich sind: nur ein bisschen näher. Marco Tullio Giordana erzählt mit "I cento passi" eine Mafia-Geschichte. Eine wahre zumal, geschehen vor zwanzig Jahren in einem Straßendorf namens Cinisi, dessen Bewohner sie hier fürs Kino mit Leidenschaft nachstellen. Und er erzählt mit Kraft und inszenatorischer Sicherheit vom Aufstand des guten Italien gegen das ihm innewohnende Böse, das sich inmitten der Familien findet. Auf diese Weise packt er ein in der italienischen Öffentlichkeit schon bis zum Überdruss hin- und herbewegtes Thema noch einmal neu an. Denn er produziert keine Helden; auch sein selbstmörderisch laut gegen die örtliche Mafia protestierender Protagonist, der junge Peppino (Luigi Lo Cascio) ist eher Maul-Held, Selbstinszenator und Begründer eines freien, irgendwann vogelfreien Radios, um das sich die örtliche Jugend der siebziger Jahre schart.

Von Sizilien nach Venedig

Giordana interessiert sich für den Schmerz in den Menschen. Vorsichtig präpariert er ihn heraus, bis er plötzlich an einem selbst haftet. Und, das ist das schön Verrückte an diesem Film, man darf ihn sich aussuchen. Da ist zum Beispiel Peppinos Vater (Luigi Maria Burruano), dem die Mafia einst einen Job besorgt hat und der sich weder gegen den örtlichen Paten wehren kann noch gegen den eigenen aufbegehrenden Sohn. Einer, der flüchtet aus der Familie nach Amerika und zurückkehrt, ohne etwas gewonnen zu haben.

Auch das ist das Alter: kraftlos, schwach, einsam, leer. Eine Wut und eine Angst, die kalt geworden sind mit den Jahren. Marco Tullio Giordana macht aus alledem einen plastischen und vitalen Film, der in so manchen Kinos funktionieren könnte. Damit markiert er vielleicht nicht gleich die Renaissance des italienischen Films. Wohl aber dürfte er jene vielstimmige Kritik erst einmal verstummen lassen, wonach vier italienische Filme im Wettbewerb am Lido nun wirklich zu viele seien. Wenn also sogar italienische Filme in Venedig zu überzeugen vermögen, dann hat das Festival zumindest gut angefangen.

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