Kultur : Späte Rache

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter über

die Wiederkehr der 1930er

Vergessen Sie die Dreißigjährigen, die letzte Woche gegen ihre miese Reputation kämpften! In dieser Woche wird allerorten einer anderen Generation Respekt gezollt: den um 1930 Geborenen. Eine Hommage jagt die nächste.

Es beginnt am 18.2. mit einem großen Essayisten, Kritiker, Lektor und Schriftsteller – mit dem im letzten Sommer verstorbenen Reinhard Baumgart. An der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10) lesen Vicco von Bülow (alias Loriot ), Norbert Miller und Peter Wapnewski aus Baumgarts Autobiografie Damals (Hanser). Als Kolumnist beim „Spiegel“, Kritiker bei der „Zeit“ und der „Süddeutschen“ sowie als Teilnehmer an den Tagungen der Gruppe 47 wurde Baumgart eine der wichtigsten Personen im literarischen Netzwerk der Bundesrepublik. Mit Thomas Mann hat er korrespondiert, mit Martin Walser und Siegfried Unseld Tennis gespielt und mit Ingeborg Bachmann Manuskripte redigiert. Nicht zuletzt war er eine subtile Gegenstimme zu Marcel Reich-Ranickis „schmetterndem Jaja oder Neinnein“. Um institutionelle Macht und intellektuelle Deutungshoheit hat sich Baumgart nie übermäßig bekümmert. Dies und sein liberaler Bürgersinn haben ihn zu einem grundsympathischen und unverwechselbaren Chronisten des literarischen Lebens gemacht.

Im Unterschied zu ihm hat sich Hans-Jürgen Heise immer an der Peripherie aufgehalten. „Ich bin Zeitgenosse“, heißt es treffend in einem Gedicht, „doch mehr am Rande der Zeit“. Der Lyriker und Prosaschriftsteller stammt aus Pommern, war in Berlin zu Hause und lebt heute in Kiel. Wegen politischer Missliebigkeit flog er in den Fünfzigerjahren aus einer ostdeutschen Zeitungsredaktion und ging in den Westen. Zwei Diktaturen haben dieser Biografie die Ideale ausgetrieben. Am 18.2. kommt Heise ins Brecht-Haus (Chauseestr. 125, Mitte). Neben seiner Lyrik (Wallstein) dürften auch Erzählungen über sein liebstes Reiseziel, das „luzide Andalusien“ Federico García Lorcas zur Sprache kommen (20 Uhr).

An andalusischen Klischees wie Stierkampf und Flamenco hat sich auch der 1932 geborene Filmemacher Carlos Saura abgearbeitet. Wer kennt nicht seine international erfolgreiche „Carmen“-Verfilmung von 1983? Weniger bekannt ist, dass der berühmte Regisseur einen Roman geschrieben hat. Die Themen seiner Filme – Erinnerung an die Kindheit, die Repressionen des Franco-Regimes, Rache und Gewalt – spielen auch hier eine wichtige Rolle. Dieses Licht! (C. Bertelsmann) erzählt vom Spanischen Bürgerkrieg, dessen literarische Aufarbeitung in den vergangenen Jahren Hochkonjunktur erlebt. Im Duett mit seiner Schwester Ángeles („Der Zweifel“, Suhrkamp) stellt Carlos Saura am 19.2. im Instituto Cervantes (Rosenstraße 18-19) seinen Roman vor (19.30 Uhr).

Den Reigen der Huldigungen beschließt ein ganz Großer. Am 22.2. jährt sich der Todestag von Uwe Johnson zum zwanzigsten Mal. Aus diesem Anlass lesen Freunde und Kollegen wie Manfred Bierwisch , Eberhard Fahlke , Walter Kempowski und Peter Wapnewski in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, Tiergarten) aus unveröffentlichten Briefen (20 Uhr). Dabei war Johnson ihnen allen ein schwieriger Freund. Zuneigung konnte unversehens in erbitterte Feindschaft umschlagen, wenn der notorisch Misstrauische Verrat witterte. Seine „Jahrestage“, die wie ein erratischer Block in der Literaturlandschaft liegen, sollte übrigens kein anderer als Reinhard Baumgart lektorieren. Der hatte ihm schließlich schon bei der Verleihung des Büchnerpreises 1971 die Laudatio gehalten. „Scheu und fast keusch“, erzählt Baumgart in seiner Autobiografie, hätte man mit Johnson umgehen können. Da könnten wir Dreißigjährigen noch einiges lernen.

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