Kultur : Sparsamkeit daheim

SYBILL MAHLKE

Berliner Philharmonisches Orchester mit Krivine und Gil ShahamVON SYBILL MAHLKEDie Europa-Tournee zwischen Stockholm und Turin scheint das Berliner Philharmonische Orchester soweit mitgenommen zu haben, daß es beim ersten Heimkonzert danach die seltene Optik einer nahezu verfremdeten Gemeinschaft präsentiert.Wäre da nicht der kompetente Bläserstamm mit Andreas Blau und Hansjörg Schellenberger an den hohen Instrumenten, so könnten die in diesem Fall von Konzertmeister Rainer Sonne angeführten Musiker an vielen Pulten als Alternativphilharmoniker gelten.Aber die abwesenden Mitglieder des ausgezehrten Orchesters mögen sich erholen, weil überwiegend junge Leute mit Frische und Engagement für sie einstehen.Der beim Philharmonischen Orchester debütierende Dirigent Emmanuel Krivine baut darauf und gewinnt, was ihm zusteht.Eine Begegnung mit Karl Böhm in Salzburg hat den damals 18jährigen französischen Geiger angeregt, sich dem Dirigieren zuzuwenden.1947 in Grenoble geboren, amtiert er seit über zehn Jahren als Generalmusikdirektor des Orchestre National de Lyon.In der fünften Symphonie e-Moll von Peter I.Tschaikowsky zeigt sich nun in der Philharmonie, daß ein guter animierender Kapellmeister aus ihm geworden ist.Leidenschaft und Sachlichkeit verbindend, bietet er weniger eine Auslegung als eine scharfgezackte Wiedergabe des dramatisch mit "dem unergründlichen Walten der Vorsehung" umgehenden Werkes.Was er von seinem Vorbild Karl Böhm eingehender hätte lernen und bewahren können, ist die Kunst der musikalischen Ökonomie.Krivines dirigentischer Sturm und Drang verbaut sich Steigerungsmöglichkeiten.Da ist es kein Wunder, daß einige Zuhörer bei der Coda des Finalsatzes schon in die Generalpause hineinklatschen, bevor sich das Leitthema glänzend nach Dur wendet.So bewährt wie mit lebendigem Ausdruck erfüllt, geraten die führenden Soli des Fagottisten Stefan Schweigert.Und mit dem großen Horngesang am Beginn des Andante cantabile gibt Markus Maskuniitty, in letzter Zeit mitunter im Pech, einmal zu bedenken, was an interpretatorischer und klanglicher Vorstellungskraft in ihm steckt.Im vorangehenden Violinkonzert von Ludwig van Beethoven stellt sich in Gil Shaham, seit dem philharmonischen Silvester als Sarasate-Zauberer einem Millionenpublikum bekannt, ein legitim materialverliebter Geiger zur Schau.Weich sucht sich ein heller, wunderschöner Ton in den Orchesterpart einzufädeln.Faszinierende Doppelgriffe und Intonation versöhnen mit dem Wunsch nach etwas mehr Attacke und Biß der Darstellung.Die Interpretation lebt in ihrer Eigenart von einem Flair der Verfertigung musikalischer Gedanken beim Spielen.

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