Kultur : Spaß gegen Ernst

„Don Giovanni“ an der Hochschule Hanns Eisler

Daniel Wixforth

Wenn am Ende alle Egoismen vertrieben, alle Herzen gebrochen und manche schon wieder zusammengewachsen, wenn alle gesellschaftlichen Gräben bis ins Lächerliche offenbart sind, dann ist der Zuschauer ratlos. Ratlos, weil dieser „Don Giovanni“ an der Hochschule für Musik Hanns Eisler vier Stunden lang musikalisch alles übertrifft, was man gemeinhin von einer Studentenproduktion erwartet – und folglich durchaus die Maßstäbe der Großen anzulegen wären. Ratlos aber auch, weil die Inszenierung trotz vieler frischer Ideen bis zuletzt eigentümlich unentschlossen wirkt.

Nino Sandow, Professor für szenischen Unterricht, verpflanzt die Handlung in eine undatierbare Mischwelt. Während Don Giovanni und die Aristokraten knallige Barockkostüme tragen, kommt das Fußvolk mit Lederschürzen und Steinzeitholzknüppeln daher – und Diener Leporello könnte in seinem dreckigen Parka geradewegs dem nächstbesten Obdachlosenheim entstammen. Optisch ist das irgendwo zwischen den Simpsons und Fred Feuerstein. Dazu ein Holzfassaden-Bühnenbild (Heidi Brambach), dessen Gestaltung mehr als deutlich an die Ästhetik Tim Burtons erinnert. All das läuft stringent auf eine zur Albernheit neigende Gesamtauffassung hinaus, die Sandow aber durch plötzliches Zurückhasten zur dramatischen Anlage der Opera Seria immer wieder konterkariert. Das Problem: Ernst und Komik bleiben dabei zu oft unvermittelt nebeneinanderstehen.

Da obliegt es der Musik, Kontinuität vom Zeitweiligen zu trennen – und zum Glück verstehen sich Christian Ehwald und das Hochschulorchester hervorragend darin: Mal fühlen sie feinsinnig mit, wenn Ottavio (mit Softie-Tenor: Hyo Jong Kim) und Donna Anna (charmant-zerbrechlich: Maraike Schröter) im zweiten Akt um ihre Zukunft als Paar fürchten, mal trumpfen sie fast ironisch auf, wenn der von Kapsung Ahn so wunderbar selbstvergötternd gesungene Don Giovanni beim Friedhofsbesuch mit Leporello (Young Doo Park) immer noch nicht begreift, dass sein Stündlein geschlagen hat. Unter den verführten Damen findet Donna Elvira (Isabelle Vilmar) charakterlich erst nach der Pause zu sich, während Herdís Anna Jónasdóttir von Beginn an eine so tiefgründige Zerlina gibt, dass ihre Arie „Vedrai, carino, se sei buonino“ zum erotischen Höhepunkt dieses hinreißenden, doch sachte zerrissenen Abends wird. Daniel Wixforth

Wieder am 4., 6. und 8. Mai, 19 Uhr

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