Kultur : Spiegelspiel

Martina Kudláceks Porträtfilm „In the Mirror of Maya Deren“

Silvia Hallensleben

„The Boticelli picture“ sollen Maya Deren und ihr erster Ehemann Alexander Hammid das bekannteste und schönste Porträt der Filmemacherin genannt haben: ein klar geschnittenes Gesicht im Halbprofil, den ernsten Blick knapp an der Kamera vorbei gerichtet, die Hände erhoben in einer Geste zwischen Andacht, Abwehr und Erschrecken, bei genauerem Hinsehen durch eine Glasscheibe gehalten, von uns und der Kamera getrennt. Ein Renaissance-Bild, ja, doch trotz aller sanften Schönheit mehr Engel als Venus. Nur das zart unscharfe Gezweig reflektierter Äste um den Kopf erinnert an Boticellis Lockenpracht, könnte aber mit seinem Lichtgeflimmer auch ein fragmentierter Heiligenschein sein.

Das Bild stammt von Alexander Hammid selbst, es ist Teil von Derens erstem 16mm-Film „Meshes of the Afternoon“, den die Tänzerin 1943 mit ihrer frisch erworbenen Bolex gedreht hatte. Ein Bild nach anderen und vor anderen Bildern im Film, Bildern, die die gleiche Frau zeigen, zu anderer Zeit, an anderem Ort. Und im Kontext dieser Schnittfolge erweist sich das Fenster, durch das die Frau auf die Welt schaut, nicht nur als Durchblick, sondern auch als Spiegel, in dem sich die Dargestellte als Fremde gegenübertritt.

Die Wiener Experimental-Filmerin und Avantgarde-Spezialistin Martina Kudlácek nimmt dieses Bild Maya Derens zum Leitmotiv eines Porträtsfilms, der den Lebensweg der Künstlerin nachzuzeichnen versucht, die – 1922 als Kind einer russischen Flüchtlingsfamilie in die Neue Welt gekommen – im New York der Vierzigerjahre nach Anfängen im Schreiben und im Tanz bald den Film als ihr eigentliches Medium entdeckt und neben Stan Brakhage, Marie Menken und Jonas Mekas zu einer zentralen Figur der Greenwicher Film-Avantgarde-Szene wird.

„No money in it. Only love of cinema“ (Kein Geld zu machen. Nur Liebe zum Kino) lautete angeblich der Ausschreibungstext, mit dem Derens immer noch aktiver Mitstreiter Jonas Mekas 1997 nach jemandem suchte, die bereit war, den umfassenden Nachlass von Maya Deren in seinem New Yorker Anthology-Filmarchiv aufzuarbeiten. Kudlácek hat diese Aufgabe mit Fleiß und Hingabe bewältigt. Die gewährte – und geforderte – Liebe zum Kino ist dem Ergebnis ihrer Arbeit anzusehen, die sich der Lebensäußerungen der Avantgarde-Legende mit fast mimetischer Leidenschaft annimmt, ohne in Ehrfurcht zu erstarren oder durch artistische Mätzchen das eigene Selbstbewusstsein beweisen zu müssen. Im Gegenteil: Kudlácek erweist sich der künstlerischen Nachbarschaft ebenbürtig, indem sie ihre Kompetenz und Experimentierlust in die kluge Komposition des reichhaltigen Materials einfließen lässt: neben Interviews ausführliche Filmausschnitte, Mitschnitte von Derens Tanzauftritten und Tondokumente von Vortragsreisen der Künstlerin, die sich auch filmpädagogisch und filmpolitisch engagierte.

„In the Mirror of Maya Deren“ ist eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit Leben und Werk einer ebenso leidenschaftlichen Film-Poetin und Forscherin, die neben sechs vollendeten Filmen mit „Divine Horsemen: the Living gods of Haiti“ auch ein Buch voller anthropologischer Forschungen zu haitischen Voodoo-Ritualen hinterließ. Auch für die eigene Arbeit nahm sie die Kraft aus magischen Tänzen und begab sich in die „weiße Dunkelheit“ spiritueller Besessenheit. So nehmen ihre surrealistisch beseelten Traum-Filmwelten mit den Jahren immer stärker metaphysische Züge an, was Hans Scheugl und Ernst Schmidt in den Siebzigern zum Vorwurf einer „verworrenen Ideologie“ veranlasste, die nur noch durch die formale Eleganz gerettet würde. Heute dürfte man gerade Derens frühe Beschäftigung mit solchen nicht abbildenden Formen religiöskünstlerischer Animation als eine ihrer revolutionärsten Einsichten ansehen. Am 13. Oktober 1961 starb Maya Deren mit nur 44 Jahren. Ob an einem Voodoo-Zauber, einer Überdosis Speed oder an schlichter Erschöpfung, ist ungeklärt.

Filmbühne am Steinplatz

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