Kultur : Spiel mir das Lied vom Mord

Frank Noack

sehnt sich nach dem total ironiefreien Film Wer zu spät kommt ... jaja, doch wer zu früh kommt, hat es auch nicht besser. John Hustons Schach dem Teufel (1953) ist eine vergnügliche, vorzeitig postmoderne Zumutung, die sich jeder Definition entzieht. Krimi? Abenteuerfilm? Satire? Die Beteiligten genossen in erster Linie einen gut bezahlten Urlaub im sonnigen Süden und störten sich nicht an dem konfusen Drehbuch, das permanent umgeschrieben wurde. Nur Humphrey Bogart war nach dem Kinostart verärgert – schließlich hatte er über eine halbe Million Dollar in das Projekt investiert. Er verkörpert einen Amerikaner in Neapel, der nach Afrika reist, einen Schiffsuntergang übersteht und in einem stickigen Gefängnis festgehalten wird. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde der junge Starautor Truman Capote engagiert, der das ernst angelegte Drehbuch in eine Parodie umschrieb. Und Jennifer Jones, sonst auf sentimentale Rollen festgelegt, genoss es, herumzualbern, eine blonde Perücke zu tragen und Bogart zu umwerben, der jedoch passiv bleibt – zur Empörung seiner Fans, die den Film boykottierten. Und so dafür sorgten, dass er keinen Cent von seiner Investition wiedersah (bis Sonnabend im Filmkunst 66).

Hustons Experiment lässt sich nicht wiederholen, denn Selbstironie ist im heutigen Kino nichts Besonderes mehr. Im Gegenteil, sie ist so überstrapaziert worden, dass man sich zuweilen nach total humorlosen, ironiefreien Filmen sehnt. Mit solch einem Film hat der Franzose Henri-Georges Clouzot 1954 Aufsehen erregt. Die Teuflischen ist ein Thriller über zwei Frauen – Rivalinnen um die Liebe eines Mannes, den sie schließlich doch gemeinsam in der Badewanne ertränken. Clouzot war seiner Zeit voraus. „Die Teuflischen“ und nicht Hitchcocks „Psycho“ war der erste Film, dessen Ende man auf keinen Fall verraten durfte (Freitag im Filmkunsthaus Babylon).

Auf andere Weise hat Alan J. Pakulas Sophies Entscheidung (1982) Maßstäbe gesetzt. Es war der erste Hollywoodfilm, der den Holocaust nicht nur angedeutet, sondern längere Rückblenden im KZ Auschwitz angesiedelt hat. Meryl Streep gewann einen Oscar für die Darstellung einer polnischen Katholikin, die das KZ überlebt, aber ihr Kind opfern muss. Dass sie sich in New York mit einem Protestanten anfreundet und eine quälerische Beziehung zu einem Juden eingeht, ist dem Film (und der Romanvorlage von William Styron) als unnötige Konstruktion angelastet worden. Aber die Intensität einzelner Momente lässt alle Einwände vergessen (Donnerstag und Sonnabend im Filmkunst 66).

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