SPIEL Sachen : So dreist wie bei Kleist

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Bisher hat sich die Regisseurin Anja Gronau im Theater unterm Dach vor allem mit Frauenfiguren beschäftigt. Sie begab sich auf die Spuren Leni Riefenstahls oder fragte in ihrer Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg nach dem Revolutionären an und für sich. Und in ihrer „Trilogie der klassischen Mädchen“ dürften ganze Zuschauerinnenscharen des 21. Jahrhunderts erstmals wirklich verstanden haben, warum das keusche Gretchen ihr eigenes Kind tötet oder Kleists „Käthchen von Heilbronn“ abendfüllend einem Mann hinterhertrottet, der sie abweist. Für dieses Verdienst, Margarete und Co. einigermaßen auf Augenhöhe mit ihren männlichen Partnern wie einem Doktor Faust zu heben, der sich nicht nur in unterschiedlichen Altersstufen und sozialen Umfeldern von Auerbachs Keller bis zur Kaiserpfalz austoben, sondern auch noch mit dem Teufel paktieren und das gesamte Berufsspektrum vom Geisteswissenschaftler bis zum Großunternehmer ausprobieren darf, bekam Gronau diverse Preise und Gastspieleinladungen.

Diesmal steht nun ein männlicher Protagonist im Zentrum ihres Interesses: Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas – inszeniert wieder als Monolog, gespielt allerdings von einer Frau (Renate Regel). Quasi passend zur tagesaktuellen Debatte um Stuttgart 21 möchte Gronau mit „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“ (Sa & So, 20 Uhr) abermals im Theater unterm Dach „zum Nachdenken über das eigene politische Selbstverständnis anregen“. Denn schon der Protagonist aus Kleists Novelle, ein oppositioneller Pferdehändler, gerät in Konflikt mit Entscheidungsträgern und sammelt bittere Erfahrungen mit dem Übermut der Ämter. „Missbrauch staatlicher Gewalt, Willkür der Justiz und den Betrug der ,Elite’ am staatstreuen Bürger“ wollen Gronau und Regel in ihrer Kleist-Arbeit aus einer heutigen Perspektive entlarven.

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