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Christine Wahl entdeckt die Bühnendynamik der Börse

Christine Wahl

Das Theater gibt sich ja gern kapitalismuskritisch. Allerdings – man muss es leider sagen – nicht immer zu seinem Besten: Vieles ist eher gut gemeint als klug gedacht und geschrieben. Eine Gesellschaftsdurchleuchtung der anderen Art verheißt da das Hebbel am Ufer mit seinem am kommenden Donnerstag startenden Festival Palast der Projekte – Zum Verhältnis von Theater und Ökonomie. Mit Performern und Wissenschaftlern wird hier knapp zwei Wochen lang der Verflechtung künstlerischer und ökonomischer Prozesse nachgespürt. Am Eröffnungsabend kann man sich zum Beispiel im HAU 3 in „Loan Shark“ von Chris Kondek (17.3., 21 Uhr) die globalen Netzwerke des Schuldenmarktes erklären lassen. Ähnliches hatte der Regisseur und Videokünstler bereits vor ein paar Jahren unternommen: Damals brachte er ein wirtschaftstheoretisch unbelecktes Theaterpublikum mit dem interaktiven Börsenlehrstück „Dead Cat Bounce“ auf Trab. Dort wurden die Eintrittsgelder der Zuschauer per Internet live auf der Bühne in Aktien investiert – selbstverständlich mit Gewinnabsicht. Man konnte so auf ziemlich vergnügliche Art die nicht ganz so vergnügliche Selbsterfahrung machen, wie konkret der abstrakte Markt das eigene Denken reguliert. Jetzt, in „Loan Shark“, gewinnt man auf ähnliche Weise Einblick, wie Geld durch die Welt fließt und welche Abhängigkeiten es schafft. Diesmal wird – mit dem Eintrittsgeld der Zuschauer als Sicherheit – live im Internet in „Junk Bonds“ investiert oder, durch den Handel mit „Credit Default Swaps“, Profit aus der Hypothekenkrise geschlagen.

Spekuliert wird beim HAU-Festival allerdings nicht nur mit Geld, sondern auch mit dem hehren „Potenzial der Zukunft“. Soll heißen: Unter dem Motto „Utopia Stock Exchange“ handeln Performer im HAU 1 (26.4., 19.30 Uhr) mit Utopien: Von Zuschauern eingereichte Ideen – sei es aus dem Bereich der Molekularbiologie, des persönlichen Krisenmanagements oder der Religion – werden auf der Bühne präsentiert und von Brokern und Publikum im Parkett als Aktien gehandelt. Wahrscheinlich erlebt dann auch das intelligente Theater wieder einen Konjunkturaufschwung.

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