SPIEL Sachen : Utopie als Brennstoff

Von Science-Fiction-Opern und lebensnäheren Utopien: Christine Wahl träumt von einer lichteren Zukunft.

Christine Wahl

Einen besseren Zeitpunkt für die Premiere ihrer Science-Fiction-Oper im Ballhaus Ost hätten sich Kai Niggemann und Andreas Tiedemann nicht aussuchen können: „Starship Utopia ist auf dem Weg in eine bessere Welt“, versprechen die Regisseure und Musiker von Ohrpilot. Derartige Erbauung können die gecrashten Finanzinstitute mitsamt ihrer therapiebedürftigen Angestellten, die zerknirschten Regierenden und die zu Recht sauren Steuerzahler derzeit bestens gebrauchen.

Zumal das Regieteam gerade vor dem Krisenhintergrund mit einer außergewöhnlichen Verheißung punktet: Starship Utopia (23.-25. 10. sowie 12./13. 11., 20 Uhr, Pappelallee 15), behaupten die Kreativ-Konstrukteure, „kennt keine Treibstoffprobleme, denn es ist mit einem neuartigen Antrieb ausgestattet.“ Statt mit Öl, Uran, Wasserstoff oder Ähnlichem funktioniere die High-Tech-Rakete mit Ideen: „Je größer eine Idee, desto höher ihr Brennwert.“ Man darf gespannt sein, wer in der globalen Krise am Ende der tauglichste Visionär ist. Platon? Hegel? Rousseau? Marx? Oder doch eher Mutter Teresa in geistiger Kooperation mit Google? Die Spielregeln sind hart: „Ist die Idee verbraucht“, geben die Ohrpiloten zu Protokoll, „ist sie auch aus der Welt.“

Falls am Ende jeder Vorschlag verheizt ist und das „Starship“ in Ermangelung ideellen Nachschubs schlaff zu Boden sinkt, bleibt Hobbyphilosophen zwar immer noch der Rückblick auf ein lustiges Denker-Potpourri und Soundfans der Trost durch eine „groovebewusste Musiktheaterform.“ Wer angesichts der eingangs beschriebenen Umstände allerdings jetzt schon weiß, dass eine zusätzliche visionäre Bankrotterklärung sein Nervenkostüm endgültig verschleißen würde, sollte den Besuch der „Scifi-Oper“ vorsichtshalber mit Lola Arias’ und Stefan Kaegis neuem Doku-Abend Airport Kids im HAU 2 (22.-25. 10., 20 Uhr, Hallesches Ufer 32) kombinieren. Dort geht es ebenfalls um Utopien, allerdings auf wesentlich gegenständlichere und lebensnähere Art.

Die argentinische Regisseurin und das Rimini-Protokoll-Mitglied fragen keine toten Philosophen oder abstrakten Suchmaschinen, sondern Kinder chinesischer, brasilianischer oder rumänischer Herkunft nach ihren Zukunftsvorstellungen. „Airport Kids“ wie Patrick, Clyde oder Raluca, deren Eltern für multinationale Konzerne arbeiten und heute nach Lausanne, morgen nach Singapur umziehen, oder adoptiert wurden und zwischen den Nationalitäten nach ihrer Identität suchen. Vermutlich wird in diesem Zusammenhang weder Platon noch Mutter Teresa zu hören sein, sondern – wie immer bei Rimini Protokoll – Aufschlussreiches aus dem globalen Leben.

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