SPIEL Sachen : Von Tuusula bis Emsdetten

Christine Wahl über die Chronik eines angekündigten Todes

Christine Wahl

Der 18-jährige Amokläufer, der am Mittwoch in seiner Schule im finnischen Tuusula acht Menschen erschoss, hatte seine Tat zuvor in einem Film im Internetportal Youtube angedeutet: ein wiederkehrendes Muster bei jugendlichen Amokläufern. Auch Sebastian Bosse, der vor einem Jahr – am 20. November 2006 – in der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten fünf Lehrer und fünf Schüler durch Schüsse verletzte, bevor er sich selbst tötete, hinterließ seine Aufzeichnungen im Internet. Der schwedische Dramatiker Lars Norén nahm diese Eintragungen zur Grundlage seines Monologs 20. November. Norens Arbeit ist allerdings keine Dokumentation; der Protagonist nicht identisch mit dem realen Amokläufer. Vielmehr versucht der Autor, durch die Internetnotizen den Motiven des Schülers auf die Spur zu kommen. So gelangt „20. November“ zu recht globalen Themenfeldern wie Außenseitertum, Mobbing in der Schule oder pädagogische Überforderung. Die Produktion mit Anne Tismer erlebte bei den Mülheimer Theatertagen ihre deutschsprachige Erstaufführung. Durch den Amoklauf in Finnland bekommt sie jetzt eine traurige Tagesaktualität, wenn sie zur Eröffnung des „Nordwind“-Festivals im Ballhaus Ost zu sehen ist (14./15.11., 20 Uhr).

Überforderte Lehrer und apathische Eltern spielen auch in Thomas Freyers Bearbeitung des Amok-Phänomens eine grundlegende Rolle. Der junge, gebürtige Geraer Dramatiker hatte sich schon nach dem Amoklauf vor fünf Jahren am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, bei dem der Schüler Robert Steinhäuser sechzehn Menschen erschoss und sich anschließend selbst tötete, vor Ort auf Spurensuche begeben. Freyers Stück Amoklauf mein Kinderspiel gewann letztes Jahr den Förderpreis zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und beschreibt die jugendlichen Täter – Repräsentanten einer von den Eltern entfremdeten Nachwendegeneration – auf einem sehr schmalen Grat zwischen Spiel und Realität. Das Stück fokussiert den Punkt, an dem aus Simulation und Gedankenspielerei – möglicherweise – Ernst wird. Tilmann Köhler hat den Text als Koproduktion des Weimarer Nationaltheaters mit dem Berliner Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue inszeniert: ein Abend, über den man sich – leider allerdings erst wieder im kommenden Februar (5.–9.2.) – niveauvoll streiten kann.

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