SPIEL Sachen : Zehn Minuten Drama

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Ab heute, mit Beginn der Fußball-WM, zeigt sich das Theater zurückhaltend. Eigentlich logisch: Welche Bühne kann sich schon den direkten dramatischen Vergleich mit Elfmeter-Thrillern oder antagonistischen Mann-gegen-Mann-Konflikten leisten? Mal ehrlich: Was ist die griechische Tragödie gegen das Viertelfinalaus eines Titelanwärters? Oder gegen einen schnöden, erschlichenen, fatal spielentscheidenden Handelfmeter? Und wer möchte ernsthaft seine Hand dafür ins Feuer legen, dass Goethe auf der Liste der berühmtesten Deutschen in diesen Tagen vor Oliver Bierhoff oder Bastian Schweinsteiger landen würde?

Es ist daher umso löblicher, wenn sich die Hochkulturinstitutionen auf die vierwöchige Ausnahmesituation lässig einzustellen wissen. In ganz besonderer Weise ist dies beim English Theatre (Fidicinstr. 40) der Fall. Parallel zum sportlichen Großereignis hat die englischsprachige Bühne ein revolutionäres Format nach Berlin importiert, das im angelsächsischen Raum bereits auf eine lange Tradition verweisen kann: das Zehn-MinutenDrama.

Fußballfans ist sofort klar, was das bedeutet: So ein Kultur-Quickie passt notfalls in die Halbzeitpause! Denn die Expertenanalysen von Beckenbauer, Klinsmann und Co. – „Wir müssen mehr nach vorn spielen und möglichst schnell ein Tor machen“ – dürfen insofern als verzichtbar gelten, als sie unter performativen Gesichtspunkten bis dato eher selten an die theatrale Hauptstadt-Qualität herangereicht haben! Da sind selbst die Berlin-Bühnen in puncto Witz, Satire, Ironie und Tiefsinn zweifelsfrei weiter!

Die fünf „Ten-Minute-Plays“, die das Theater nun vom 15. bis zum 19. Juni, jeweils 20 Uhr, unter dem Motto „Bei mir bist du strange“ auf die Bühne bringt, entstanden im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 20. Geburtstag des Hauses. Das English Theatre schrieb einen Themenwettbewerb unter dem Motto „Englisch im Alltag“ aus und wollte unter anderem wissen, welche Auswirkungen die Flut der Anglizismen auf unser Lebensgefühl hat, „wie Oma Erna das Ganze wahrnimmt“ und „ob Coffee to go tatsächlich aus Togo kommt“. Die Auflagen sind strikt: Das Personalaufkommen von zwei Männern und zwei Frauen pro Stück darf ebenso wenig überschritten werden wie der besagte Zeitrahmen.

Man darf also gespannt sein auf die ausgewählten Sieger-Short-Cuts, für die die Kurzdramatiker mit jeweils 100 Euro entlohnt werden. Zwar ist bis dato nur bekannt, dass es unter anderem um Themen wie die leidige Wohnungssuche im Prenzlauer Berg geht. Aber möglicherweise tun sich doch noch aktuelle Verbindungen zum Fußball auf. Wer weiß: Vielleicht hat sich ja jemand - schließlich ist das Vater-Sohn-Motiv eines der beliebtesten Sujets in der Dramatik überhaupt – mit Wayne Rooneys Vaterschaft beschäftigt?

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