Kultur : Spielend zum Sparen finden

ROBERT KALTENBRUNNER

Ökologie und Ökonomie bilden nicht unbedingt einen Gegensatz.Diese These wird in jüngster Zeit gebetsmühlenartig wiederholt.Umweltbewußtsein hat mittlerweile einen festen Platz im gesellschaftlichen Wertekanon erobert.Das bedeutet aber noch nicht, daß alle Bereiche unseres Handelns von ökologischem Denken durchdrungen werden.Ein Blick auf den Bereich der Architektur kann das nur bestätigen.Sieht man einmal ab von spektakulären Großvorhaben, denen ostentativ ein Öko-Mäntelchen übergeworfen wird, so zeigt die breite Masse der Gebäude - auch und insbesondere in Berlin - diesbezüglich nur schwache Impulse.

Ökologie denkt grundsätzlich in größeren Zusammenhängen, die auch das Zusammenleben in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik umfassen.Auch das ökologische Bauen wird nicht länger eine Frage der persönlichen, unverbindlichen Lebensentscheidung je nach Weltanschauung oder Geldbeutel sein.Jahrelang hat die moderne Architektur Klimafragen und Heizkosten als lösbare Probleme dargestellt - und deshalb vernachlässigt.Heute ist die bessere Orientierung und Dämmung von Gebäuden nicht länger Alternative, sondern Gebot.Eine Architektur mit ganzheitlichem Anspruch bliebe allerdings gleichgültige Technologie, wenn nicht die persönliche Note die technische Konstruktion zum Bild eines anderen Lebens ergänzte.Mit Bepflanzung, Einbauten und Kostenvergleichen ist es nicht getan.Vielmehr handelt es sich um eine Frage der Bereitschaft, der Bewußtwerdung, der mentalen Veränderung - weder Architekten und Bauträger noch Bewohner und Betreiber haben sich dem in der notwendigen Tiefe gestellt.

Man wird zugeben müssen, daß bereits wissenschaftlich begründete Erkenntnisse darüber vorliegen, wie ökologische Architektur aussehen müßte.Indes, ihre Umsetzung in das Bauen bleibt weitgehend aus.Weder Hochschulen noch Fachmedien lassen diesbezüglich großes Engagement erkennen, weder Wettbewerbsverfahren noch Verbände haben entsprechende Weichen gestellt.Im Gegenteil: Sie propagieren entweder die alte Ästhetik oder huldigen den Tagesmoden.Der in dieser Beziehung streitbare Architekt Günter Moewes ist gar der Meinung, daß vieles, was derzeit unter ökologischem BauenÕErfolge feiert, lediglich den Eindruck erweckt, umweltgerecht zu sein: "Das wirkliche ökologische Bauen ist dem konventionellenÕ Bauen des frühen 20.Jahrhunderts ähnlicher als der heutigen Meinungsarchitektur." Beispielsweise seien Karl-Josef Schattners Umbauten in Eichstätt, der Wohnungsbau Otto Steidles oder die Bauten von Thomas Herzog "gewiß ökologischer als die vielen freistehenden, kurzlebigen, begrünten Holzhäuschen des vermeintlich ökologischen Bauens."

Um das Thema stärker in der Öffentlichkeit und im "normalen" Bauen zu verankern, bedarf es nicht so sehr besonderer Öko-Avantgarde-Projekte.Vielmehr wären praktische Beispiele vorzuführen, müßte der Gebrauch von kostengünstigen, bereits gängigen und bewährten Technologien anschaulich gemacht werden.Eine Art Versuchsanordnung stellen die Energiesparhäuser am Lützowufer dar, die Anfang der achtziger Jahre im Rahmen der IBA entstanden sind.Sie sind recht unscheinbar und wohl nur halbwegs geglückt.Dennoch lassen sich daraus grundsätzliche Erfahrungen ziehen.

Erstens: Geht man davon aus, daß Architektur zu ihrem Beschauer zu sprechen habe, dann ist dasÔÖkologischeÕder mit diesem Attribut versehenen Häuser nicht eben eloquent.Sie bleiben im Rahmen der Konvention, sind architecture parlante lediglich insofern, als sie mit be- und anerkannten Bildern des Wohnens arbeiten, allenfalls akzentuiert durch das Attribut eines Sonnenkollektors.Sie machen deutlich: Es gibt keinen Öko- oder auch nur Energiespar-Stil.Ein solches Bauen verlangt weder einheitliche Ästhetik noch allgemeinverbindliche Regeln, es sei denn die eines vernünftigen, die Umwelt nicht belastenden Verhaltens.Insofern ist auch der gerne angeführte Widerspruch zwischen GestaltungÕund UmweltanspruchÕbloß scheinbar.

Zweitens: Ein Kernproblem liegt im Verhältnis der Investitions- zu den Betriebskosten, genauer gesagt darin, daß Einsparungen nur aufgrund (zunächst) höherer Investitions- und Baukosten möglich sind.Das zu akzeptieren fällt Bauträgern, Erwerbern und der öffentlichen Hand schwer.In der nichtselbstnutzenden Bauherrenschaft - und das ist die Regel - zeigt sich zudem eine nur geringe Bereitschaft, sich offensiv mit den laufenden Aufwendungen (Strom, Wasser, Heizung) auseinanderzusetzen.Diese Betriebskosten werden "durchgereicht" an den Nutzer, der wiederum an den grundlegenden Entscheidung nicht beteiligt ist.Die Binsenweisheit, daß ökologische Effekte umso größer sind, je mehr man den Sparerfolg unmittelbar in Mark und Pfennig sichtbar macht, wird viel zu wenig beherzigt.

Drittens: Viele gutgemeinte und innovative Vorschläge der Planer verkennen offenbar tief eingefräste Gewohnheiten.Ein Beispiel: Wärmere Rückzugsbereiche im Wohnungskern oder Wintergärten setzen voraus, entsprechend genutzt zu werden.Wenn der unbeheizte Wintergarten aus Raummangel zum Schlafzimmer gemacht und über Vorgaben lamentiert wird ("Warum soll ich das? Mein Nachbar macht das doch auch nicht!"), dann zeigt sich, daß "althergebrachte" Werte wie Behaglichkeit und Wohnlichkeit de facto mit den Absichten, Energie zu sparen, kollidieren.Bei hochwärmegedämmten Gebäuden ist das Nutzerverhalten von entscheidendem Einfluß auf Energieverbrauch.Besitzen die Nutzer keine ausreichende Kenntnis, sind sorglos oder einfach technisch überfordert, dann nützen auch die schönsten Maßnahmen wenig.Das Axiom small is beautiful bietet eine Art Richtschnur - weniger ideologisch als vielmehr in der Tendenz, daß nicht Großtechnik, sondern leicht zu bedienende Systeme zu kultivieren wären.Nähme man den Anspruch ernst und formulierte daraus ein Programm, so ginge es eben nicht mehr um die arbeitsteilige Spezialisierung des homo oeconomicus, sondern vielmehr um die Aufwertung des Menschenbilds vom homo ludens: nämlich spielend zu einem bewußten Gebrauch, zum Sparen finden.

Doch von Anfang an hatten Architekten damit zu kämpfen, daß sie die wahrenÕBedürfnisse der Bewohner nach versöhnendem Zusammenspiel aller Elemente zum Ausdruck bringen wollten, diese selbst aber das Problem weder kannten noch teilten.Den hier angelegten Konflikt hat Adorno auf den Punkt gebracht: "Menschenwürdige Architektur denkt besser von den Menschen, als sie sind; so, wie sie dem Stand ihrer eigenen, in der Technik verkörperten Produktivkräfte nach sein könnten.Dem Bedürfnis jetzt und hier widerspricht Architektur, sobald sie, ohne Ideologie zu verewigen, dem Befürfnis dient; sie ist immer noch ins Leere gesprochen." Insofern ist bei den Planenden weit mehr als bislang üblich die Bereitschaft gefordert, sich mit dem Verhalten auseinanderzusetzen und darauf einzugehen, was Bewohner und Benutzer machen, statt es - sei es gestalterisch oder technisch - vorzuschreiben.Es geht darum, ob ein Gebäude in sich und in Raum und Zeit sinnvoll ist.Es geht aber auch um die Rückkoppelung zwischen Technik und Bewohner, um die Gesetze des Haushaltens, um Verständlichkeit, Einsicht, Nachvollziehbarkeit, Urteilskraft, Verhalten und Gebrauch.Um nicht mehr, aber auch nicht um weniger.

Wie auch immer man den Zusammenhang zwischen Architektur und Ökologie definieren möchte: Berlin hat sich bei diesem Thema nicht sonderlich hervorgetan.Eine nachhaltige Breitenwirkung konnte das ökologische Bauen an der Spree bislang nicht erzielen.Eine Besserung ist nicht in Sicht.Der Druck der Sachzwänge scheint so groß, daß die bereits erreichten Standards eher zurückgeschraubt als zur Mindestgrundlage gemacht werden.In der "Provinz", über die man so gern wie ausdauernd die Nase rümpft, sind da sehr viel entschiedenere Impulse zu verzeichnen.Natürlich: Bei den irgendwie hervorgehobenen Bauvorhaben - sei es nun am Potsdamer Platz oder dem Reichstag, beim Lehrter Bahnhof oder im Umwelttechnikzentrum Adlershof - liegt es nahe, schon aus Gründen eines zukunftsgewandten Marketings, mit dem ökologischen Fähnchen zu winken.Inwieweit das dann letztlich auch inhaltlich gerechtfertigt ist, sei dahingestellt.Im übrigen haben wir ja unsere Lektion als kritische Verbraucher mittlerweile gelernt: Nicht überall, wo "öko" draufsteht, ist auch "öko" drin.

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