Kultur : Spielplatz des Grauens

Susanne Weirichs Video-Installation in der Galerie Müllerdechiara

Peter Herbstreuth

Das Medium Film ist in den Rang eines internationalen Kanons gerückt und zu einer zentralen Referenz der bildenden Kunst geworden. Mittlerweile gibt es eine Fülle von Werken, die sich auf Ridley Scotts „Blade Runner“, David Lynchs „Mulholland Drive“ und vor allem auf den ersten Teil von „Matrix“ der Gebrüder Wachowsky beziehen. Man kennt diese Filme von Mexiko bis Tokio – ein Umstand, der sich weder von neueren Werken der schönen Literatur, geschweige denn von den Klassikern der lokalen Kulturen feststellen lässt. Wer sich auf Filme bezieht, kann sogar damit rechnen, dass die Anspielungen unbewusst wirken. Sie beziehen sich auf universale Hollywood-Codes.

Das gilt auch für die Video-Installation der 1962 geborenen Berliner Künstlerin Susanne Weirich. In „Silent Playground“ (15000 Euro) erzählt sie drei dramatische Geschichten mit jeweils zwei möglichen Ausgängen. Eine Frau, gespielt von der Schauspielerin Inga Busch, wird von der Handkamera verfolgt und wittert ringsum Feinde: eine formal geschlossene Paranoia. Die Frau öffnet eine Tür, packt DVDs und Computerspiele aus, schiebt eines davon in den Player und sieht, wie eine Frau die Tür öffnet, DVDs auspackt und eine davon in den Player schiebt. Sie sieht sich zeitversetzt zu, gerät in den Strudel der Selbstbespiegelung, spürt den Blick von tausend Stalkern und rennt von Tür zu Tür. Dabei spielt ein Zufallsgenerator Schicksal. Mal springt die Frau in Kampfstellung, mal flüchtet sie. Da alle Filme mit versetzten Anfängen laufen, mixt man beim Herumgehen bald die sechs Schlusssequenzen durcheinander. Letztlich bleibt das Bild einer alarmierten Frau mit Acid-Augen und stark geschminktem Gesicht.

Weirich konfrontiert den Zuschauer mit der Unlogik eines gleichzeitigen Entweder-Oder und Sowohl-als-Auch. Die Wirrnis spiegelt sich in labyrinthischen Gängen und wird durch die Nahperspektive der Handkamera verstärkt. Alles ist in Bewegung. In allen Zimmern sieht die Frau unerklärliche Zeichen von Bedrohung. Weirich zeigt das ganz undialektische Unglück einer verfolgten Jägerin als Matrix der Installation. Neues Spiel, neues Unglück. Deshalb sind die Filme kurz und auf Wiederholung eingestellt: Intensität in der Endlosschleife.

Falls es so etwas wie globale Kunst geben sollte, hat Weirich ein Medium dafür gefunden. Um aber Erfolg zu haben, braucht ein Film Kitsch oder Sexyness. Da diese lokal kodiert und subjektiv sind, wären sie der Lackmustest dafür, ob alle Sinne von Mexiko bis Tokio synchron gestellt werden können. Weirichs Werk ist für dieses zweifelhafte Ideal ein Symptom. Es zeigt die karnevaleske Paranoia im telematischen Raum. Leider sind die Bildschirme in verschiedene Räumen verteilt. Die Galerie erlaubt keine volle Dröhnung aller Parallelgeschichten. Der Overkill mit Short-Cuts im Gabba-Rhythmus steht noch aus.

Galerie Müllerdechiara, Weydingerstraße 10; bis 7. Mai, Dienstag bis Sonnabend 12–19 Uhr.

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