SPIEL Sachen : Auf der Straße der Wahrheit

Christine Wahl

Im real existierenden Sozialismus wurden Fotos emsiger Betriebsmitarbeiter an einer Wandtafel ausgehängt, die „Straße der Besten“ hieß. Das Theater hat es sich nicht entgehen lassen, diese Tradition aufzunehmen: Christoph Marthaler organisierte unter dem Motto 1996 einen theatralen Rundgang durch die Volksbühne. Zum Mauerfall-Gedenkjahr greifen die Sophiensäle den Titel auf: Ihr Festival russischer Avantgardekunst (18.–26.6.) trägt den Namen Ulica Pravdy, Straße der Wahrheit, und verspricht Enthüllungstheater: gleich zu Beginn mit dem Moskauer UndergroundKünstler Alexander Petlura, der 25 Jahre lang stumme Zeugen der Geschichte gesammelt hat. Seine Kollektion umfasst 2000 Paar Schuhe, 1500 Anzüge und Kleider, 1000 Frauen- und Männerunterhemden und -hosen, 3000 Accessoires und 2000 Dinge des täglichen Bedarfs. Können Gegenstände lügen?

In seinem Imperium der Dinge (18.–20.6., 20 Uhr) bezieht sich Petlura auf die Sophiensäle: 1904/05 erbaut, diente das Gebäude zunächst als Handwerkervereinshaus. In den 10er und 20er Jahren fanden hier Versammlungen der revolutionären Linken statt. Während der NS-Diktatur produzierten dort holländische Zwangsarbeiter Flugblätter. Zu DDR-Zeiten entstanden in den Sophiensälen Bühnenbilder fürs Gorki-Theater. Im Festsaal, wo Petluras Sammlung jetzt das Festival eröffnet, war die Schreinerei untergebracht. Er zeigt sieben tableaux vivants. Die Mode, Werke aus Malerei und Plastik mit lebenden Personen nachzustellen, kam Ende des 18. Jahrhunderts auf. Bei einer der prominentesten Vertreterinnen dieses Genres, Lady Hamilton, war seinerzeit die Kulturschickeria von Goethe bis Tischbein zu Gast. Man darf gespannt sein, ob der Faltenwurf heutiger Alltagskleider ähnlich inspiriert.

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