SPIEL Sachen : Hip-Hop mit Handpuppen

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Eigentlich ist Wilhelm Hauffs Märchen vom Kalten Herz eine ziemlich didaktische Angelegenheit: Der finanziell unterprivilegierte Peter Munk, genannt Kohlenmunk-Peter, sucht Hilfe bei einem Waldgeist. Jener Schatzhauser verspricht dem jungen Mann, ihm drei Wünsche zu erfüllen. Wenn man aber – so die erste pädagogische Botschaft – selbst zum Visionieren zu naiv ist und total unüberlegt draufloswünscht, schlittert man nur tiefer in die Katastrophe: Der Kohlenmunk-Peter wünscht sich, immer so viel Geld in der Tasche zu haben wie der fragwürdige Zechbruder Ezechiel – und wundert sich eines Tages, dass er selbst plötzlich keinen Cent mehr hat, nachdem er den Ezechiel doch gerade haushoch beim Würfeln besiegt und einen finanziellen Einsatz nach dem anderen eingestrichen hat. Kurzum: Mathematik und Dialektik – so die Lehre Nummer zwei – lohnen sich eben doch!

Der Kohlenmunk-Peter indes überantwortet sich in seiner Totalpleite einem anderen Waldbewohner, dem Holländer-Michel, der sich das jedoch teuer bezahlen lässt: Er verlangt Peters Herz und setzt ihm stattdessen schwer symbolträchtig einen Stein ein. Wie buchstäblich hartherzig Peter fortan – dritte pädagogische Botschaft – mit den Armen und Prekären umgeht, auf deren Kosten sein Köhlerhütten-Imperium immer weiter wächst, kann man sich lebhaft vorstellen.

Die neue Produktion Das Kristallherz im Theater an der Parkaue (heute und morgen 18 Uhr, So 16 Uhr, Mo 12 Uhr), die sich von dem Hauff-Märchen inspirieren lässt, dürfte trotzdem kein moralinsaures Lehrstück werden. Und zwar nicht nur, weil illustres Personal aus Carlo Collodis „Pinocchio“ auftaucht. Sondern vor allem, weil die Puppetmastaz mit von der Partie sind: Die Handpuppen-Hip-Hop-Band, die sich mit „Frankensteins Rotkäppchen“ bereits an der Volksbühne als diskurssichere Märchenspezialistin erwiesen hat, wird der aus verschiedenen Märchenmotiven gestrickten „Geschichte über Freundschaft und emotionale Kälte, Geldrausch und stumpfe Gier“ versprochenermaßen mit „tighten Rhymes und fettem Sound“ beikommen. Erkenntnis Nummer vier: Algebra, Kapitalkalkulation und Grundkenntnisse in (Lebens-)Philosophie können nicht nur von großem Nutzen sein, sondern auch Spaß machen!

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